100 Jahre jung – eine kritische Auseinandersetzung mit dem Alter

by Susanne Stahel

Wir kennen uns noch nicht: ich Sie nicht, Sie mich nicht. Damit Sie mich einordnen können nur kurz: Als GL-Mitglied und Verantwortliche für Kommunikation und Fundraising von Pro Infirmis gehöre ich zu denjenigen, die Stiftungen einen Sinn geben, weil sie mit ihrem Geld respektive Angebot den Stiftungszweck wahr werden lassen. Ich stehe also auf der Seite derjenigen, die um Geld bitten. Um zu überzeugen, werfen wir alles in die Waagschale: Seit neustem auch unser Alter. Das ist mutig, denn man kann auch hundert Jahre Unfug getrieben haben und es wird nicht besser, nur weil der Unfug länger dauert. Wir sind uns einig, es muss um mehr als eine Zahl gehen, um Selbstreflexion, die nötige Prise Mut neue Wege zu beschreiten, um Ausdauer und die Fähigkeit, sich treu zu bleiben und gleichzeitig Entscheide zu überdenken und Richtungswechsel einzuläuten. 

Unter dem Motto «Die Zukunft kennt kein Hindernis» lancierten wir an unserem Geburtstag, dem 31. Januar 2020, unser Jubiläumsjahr. Mit diesem Motto wollen wir signalisieren, dass wir die 100 Jahre durchaus an die grosse Glocke hängen wollen, den Blick dabei zuversichtlich nach vorne wenden und die Anliegen unserer Zielgruppen im Auge behalten. Wir müssen uns nicht verstecken, im Gegenteil: Wir wollen neue Wege in eine inklusive Schweiz aufzeigen und gemeinsam mit den Betroffenen eine Zukunft gestalten, die allen Menschen gleichwertige Chancen bietet. 

Alles bleibt anders

Pro Infirmis wurde am 31. Januar 1920 in Olten als «Schweizerische Vereinigung für Anormale» gegründet. Sie können sich vorstellen, dass sich während der letzten hundert Jahre nebst dem Wording auch die Welt und das Angebot verändert haben. Was vor hundert, was vor fünfzig Jahren sogenannt normal war, ist heute undenkbar. Oder würden Sie heute eine Organisation mit Stiftungsgeldern berücksichtigen, die sich für Menschen mit Behinderungen einsetzt und in ihrem Logo einen Flügel in Ketten hat? Oder Behinderung als geknicktes Blümchen darstellt? Oder den Regenbogen bemüht, um zu signalisieren, dass bei allem auch Hoffnung besteht? Kaum. 

Ich denke, Sie würden uns auch nicht berücksichtigen, wenn wir sagen, wir seien für alle rund 1,7 Millionen Menschen mit einer Behinderung in der Schweiz die Rettung. Das Wichtigste: Die Betroffenen müssen alles andere als gerettet werden, sie dürfen nicht behindert werden. Denn – und deshalb muss man uns zumindest Aufmerksamkeit schenken – gegen unsere Vision einer inklusiven Gesellschaft, in der sich Menschen mit und ohne Behinderungen auf Augenhöhe begegnen und wo alle gleichermassen am politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben gleichberechtigt teilhaben, spricht nichts. Weil es um alle geht, auch um Sie als Teil einer Gesellschaft, die Verantwortung übernimmt und partizipiert. Pro Infirmis hat, um ihrem Anliegen Nachdruck zu verleihen und die Ungeübteren und Anfänger und Anfängerinnen zu inspirieren, in engem Austausch mit Menschen mit Behinderungen ein Jubiläumsprogramm entwickelt, in dem Menschen mit Behinderungen in Rollen und an Orten auftauchen, die auf den ersten Blick verblüffen. Warum soll etwa ein Mensch mit einer kognitiven Behinderung keine 1.-August-Rede halten? Warum soll sich der Mensch mit Behinderungen beraten lassen und nicht umgekehrt, er oder sie berät den Menschen ohne Behinderungen? Letzten Herbst haben wir das „friendly take over“ mit unserer Kampagne eingeläutet, wo wir Menschen mit Behinderung in der Werbung einforderten. Weil sie dort vergessen gegangen sind, unsichtbar blieben, bis heute. Sie erinnern sich vielleicht an den etwas anderen Appenzeller, der sein Geheimnis nicht verrät oder die Schadensskizze der Mobiliar, wo der Bösewicht im Rollstuhl sitzt und mit dem geklauten Natel wegrollt? Genau, Menschen mit Behinderungen sind Menschen wie alle andern auch. Und: Alles Gute zum Geburtstag, Ihnen allen. Irgendwann im 2020 werden auch Sie ein Jahr älter, wenn auch nicht ganz hundert;-) Wenn Sie mögen, verfolgen Sie, was wir dieses Jahr hindurch machen:  100.proinfirmis.ch