Ehrlich währt am Längsten

Wie sagt man so schön: «Lügen haben kurze Beine» oder auch «Ehrlich währt am längsten». Wir alle kennen diese beiden und noch weitere, ähnliche Redewendungen bestens. Doch sie zu kennen, ist einfach. Viel schwieriger – aber auch viel wichtiger – ist es, nach ihnen zu handeln.

Als Projektleitende versuchen wir alle unser Bestes. Wir planen, koordinieren, implementieren und überprüfen unsere Projekte. Wir streben danach, die gesetzten Ziele zu erreichen um damit das Projekt möglichst erfolgreich umzusetzen und abzuschliessen. Dies alles tun wir nicht nur für unseren persönlichen Erfolg, sondern auch, um die bestmögliche Wirkung zu erzielen. Um die Welt ein Stückchen besser zu machen. Und gleichzeitig tun wir das auch immer für sie: unsere Geldgeber – auch bekannt als Kantone, Kirchen, Gemeinden oder Förderstiftungen.

Doch was passiert, wenn wir die Projektziele nicht erreichen? Wenn gewisse Projektkomponenten scheitern? Und was ist, wenn wir nichts dagegen tun können?
Um eine Projektkomponente erfolgreich umsetzten zu können, war ich auf die Mitarbeit von Freiwilligen angewiesen. Genauer gesagt, musste ich diese zuerst für die Teilnahme motivieren, denn ohne die freiwilligen Jugendlichen konnte auch die Projektkomponente nicht umgesetzt werden. Doch nach Ablauf der Anmeldefrist hatte ich keine Anmeldung erhalten. Lag es daran, dass die Jugendlichen keine Zeit hatten? Oder dass ich das Projekt zu wenig spannend erklärt hatte? Vielleicht hatten sie keine Lust? Oder das Projekt war einfach nicht spannend genug? Die genauen Gründe kenne ich nicht – ich weiss nur, dass ich vor zwei Herausforderungen stand:

  • Die erste lässt sich mit Phantasie und neuen Ideen bewältigen: Wie schaffe ich es, meine Projektziele trotzdem – oder zumindest teilweise – zu erreichen? Was wären also mögliche Alternativen?
  • Die zweite birgt da schon mehr Risiko: Wie erkläre ich diese Veränderungen den Geldgebern des Projektes und wie reagieren diese wohl darauf?

Es gäbe nun ein paar Möglichkeiten um die zweite Herausforderung zu bewältigen. Sollen wir das ganze schönreden? Oder sollen wir einfach nur die guten Dinge betonen und hoffen, dass dieser Misserfolg ihnen nicht auffällt? Diese Wege mögen für gewisse Personen verlockend sein, für mich gibt es aber nur eine Möglichkeit: Transparenz. Es klingt banal, doch so ist es: Ich habe mein Bestes gegeben. Ich habe innerhalb meiner Ressourcen alles versucht, die Projektkomponente wie geplant umzusetzen. Und ich habe eine Alternative auf die Beine gestellt, mit der zumindest ein Teil der geplanten Projektziele doch noch erreicht werden können – wenn auch in einer adaptierten Form. Wieso sollte ich es also nicht auch so den Geldgebern kommunizieren?

Und auch wenn ich mir selber nichts vorzuwerfen habe, so bleibt doch ein kleiner Zweifel bestehen: werden sie es akzeptieren? Können sie die externen Faktoren nachvollziehen und verstehen, dass bei der freiwilligen Arbeit mit Jugendlichen, diese nicht zu einer Teilnahme gezwungen werden können? Oder werden sie kritisieren, dass ich mehr für die Mobilisierung hätte tun müssen? Oder werden sie vielleicht sogar einen Teil ihrer Unterstützung zurückziehen?

Im Moment weiss ich das noch nicht. Ich werde es aber herausfinden, sobald die Geldgeber im nächsten Reporting darüber informiert werden. Im Moment kann ich mich nur auf etwas stützen: auf das Wissen, dass ich aus meiner Sicht alles nötige getan habe und dass ich hinter meiner Alternative stehe. Und dass ich diese Situation mit all ihren Herausforderungen ehrlich und transparent an die Geldgeber meines Projektes kommuniziere. Dass ich nichts zu verheimlichen habe und zu den Misserfolgen stehe. Und nur das kann ich allen anderen Projektleitenden auch raten. Denn: «Ehrlich währt am längsten».

23 neue Crypto-Stiftungen von 330 Neugründungen im 2018

2018 hat die Stiftungslandschaft mit 330 Neugründungen nochmals starken Zuwachs erhalten. Interessant ist dabei die Entwicklung bei den Crypto-Stiftungen. Schweizweit zählen dazu 23 Stiftungen, wovon 16 im Kanton Zug domiziliert sind.

Ausführungen zu dieser Entwicklung im Beitrag «Krypto-Stiftungen: Die Festungswälle bröckeln» von Katharina Bart auf finews.ch.

Wer hat, dem wird gegeben?!

Wie kommt es, dass eine renommierte, seit 40 Jahren bestehende Stiftung seit ihrer Gründung einfach nicht zu Geld kommt und auch professionell umgesetztes Public Fundraising keinen Ertrag bringt? Fehlt es an Betroffenheit? Im Fall dieser Stiftung überhaupt nicht: In der aktuellen repräsentativen Umfrage in der Schweiz sagt jede fünfte Person, dass sie in den letzten 12 Monaten betroffen war und selbst gelitten hat. Und neun von zehn Befragten bemerken, dass sie betroffene Personen im nahen Umfeld kennen.

Haben Sie das Thema erkannt?

Ja, es geht um psychische Erkrankungen. Psychische Störungen betreffen viele und verursachen hohe Kosten, nicht nur in der Krankenversicherung sondern auch in der Wirtschaft. Und ja, man könnte etwas tun. Viele psychische Erkrankungen sind behandelbar. Betroffene Menschen können wieder gesund werden, wenn sie Zeit und Sicherheit bekommen, ihren Genesungsweg zu suchen und selbst zu gehen. Und wenn früher geholfen würde, wäre die Behandlung oft kürzer und einfacher.

In den Medien und in Fachkreisen hat das Thema Konjunktur. Viele sehen, dass die Schweiz ein Problem mit der psychischen Gesundheit hat. Die Meisten finden, «man» sollte etwas tun. Nun, da gibt es eine bewährte Stiftung, die sich seit 40 Jahren des Themas annimmt, die betroffenen Menschen und ihre Angehörigen ins Zentrum stellt und sich für ihre Rechte einsetzt. Eine Stiftung, die viele Ideen hat und eine Menge davon schon in die Praxis umgesetzt hat. Eine Stiftung, die gut ins Ausland vernetzt ist und Projekte kennt, die im Anderswo wirken. Und hierzulande Pilotprojekte lancieren möchte. Eine Stiftung, die nach neuen Wegen sucht, weil sie nicht glaubt, dass „mehr vom Selben“ als Lösung für die Zukunft taugt.

Aber, kein Geld. Das beste Testmailing zur Spendergewinnung hat gerade mal 50% der Portokosten gedeckt. Fazit der Profis: Es ist zu früh, man kennt euch zu wenig gut und das Thema ist immer noch stark tabuisiert.

Also, institutionelles Fundraising! Eine Analyse der Themen von Förderstiftungen bringt nur wenige Treffer für psychische Gesundheit, aber viele für Gesundheit allgemein. Bei Neugründungen von Stiftungen stehen die Themen Alzheimer und Krebs zuoberst auf der Liste. Unsere Themen kommen fast nie vor. Offenbar orientieren sich viele daran, was die andern tun und tun dann eben auch mehr vom Selben. Und so kommt es, dass einzelne Organisationen im Geld schwimmen und gewisse Themen überfinanziert sind und es neue und zudem tabuisierte Themen schwer haben und chronisch unterfinanziert sind, obwohl gerade am Anfang eines Konjunkturzyklus neues Geld mehr Effekt produzieren würde als später.

Seit neun Monaten arbeiten wir gemeinsam und finanziert mit der Beisheim Stiftung an einem Präventions- und Früherkennungsprogramm und im Dezember 2018 hat uns die Swiss Re Foundation als «Charity of the Year» gewählt und damit ein Zeichen für Engagement für psychische Gesundheit gesetzt! Es gibt sie also, die pionierhaften Unternehmen, die den Mut haben, unpopulären Ideen zum Durchbruch zu verhelfen, dem hoffentlich andere folgen werden. Denn eines muss allen klar sein: Keine Gesundheit ohne psychische Gesundheit!

So gelingt die interne Kontrolle in Nonprofitorganisationen (NPO)

Um operative Fehler zu vermeiden, Betrug frühzeitig aufzudecken und Rufschädigung zu verhindern, ist eine gut funktionierende interne Kontrolle unerlässlich. Damit sie wirklich greift, gilt es einiges zu beachten. Der Autor erklärt, welche Bereiche das Interne Kontrollsystem (IKS) erfassen sollte, welche typischen Fehler gemacht werden und was die wichtigsten Schritte zur optimalen Kontrolle sind.

Wichtigste Voraussetzung: Das Vier-Augen-Prinzip
Prozesse mit Vier-Augen-Prinzip verfügen über eine inhärente Kontrolle, da die Freigabe des kritischen Arbeitsschritts durch eine Drittperson erfolgt. Nicht umsonst sind NPO mit Zewo-Gütesiegel verpflichtet, die Einhaltung der kollektiven Zeichnungsberechtigung zu kontrollieren.

Verhindern und Aufdecken des Risikoeintritts
Das Interne Kontrollsystem (IKS) sollte so aufgebaut sein, dass vorbeugende und überwachende Kontrollen periodisch automatisch durchgeführt und protokoliert werden. Regelnde Kontrollen, die während der Durchführung erfolgen, wie die zweite Unterschrift auf der Zahlungsfreigabe, sollten periodisch in Stichproben durch ein drittes Augenpaar erfolgen.

Die Kontrollen können risikobasiert sein oder einer operativen Notwendigkeit entsprechen. Ein gutes IKS verhindert auch unangenehme Qualitätsfehler, wie verspätete Zahlungen oder falsche Anschriften von Kunden und Lieferanten.

Betrug und Rufschäden im Keim ersticken
Ebenso wichtig ist das frühestmögliche Aufdecken von Betrug und potentiellen Rufschäden. Es sind Einzelfälle, aber sie kommen vor. Mittels IKS lässt sich das früh genug aufdecken – und damit strafrechtliche Konsequenzen für das Unternehmen, die Geschäftsführung und die Mitarbeiter vermeiden.

Typische Fehlerquellen
Typische Fehlerquellen sind: Keine angemessene Trennung von Funktionen, über die Jahre einschleichende Routine in den Abläufen oder blindes gegenseitiges Vertrauen. Das setzt Vorsichtsmassnahmen ausser Kraft und führt dazu, dass die erforderlichen Kontrollschritte nicht mehr mit Ernsthaftigkeit und Genauigkeit durchgeführt werden.

Da Wirtschaftsprüfer nur die Existenz des IKS prüfen, werden diese Fehlerquellen nicht aufgedeckt, wenn die Organisation nicht regelmässig selbst einen prozessualen Check-up durchführen lässt.

Für ein IKS das lebt und von allen akzeptiert ist
Das IKS ist nur so gut, wie Risikobeschrieb und Kontrollauftrag auf Anhieb verständlich und umsetzbar sind. Das äussert sich auch darin, ob Kontrollpersonen tatsächlich kontrollieren (können) und zeitig die Resultate melden. Den ultimativen Test, ob das IKS-System von den Mitarbeitenden akzeptiert ist, haben Sie bestanden, wenn Mitarbeitende das System freiwillig auch für ihre operativen Arbeiten verwenden wollen.

Mit einem funktionierenden und qualitativ guten IKS, das „lebt“ und von den Mitarbeitenden akzeptiert ist, können der gute Name der Organisation geschützt und alle wirtschaftlich und strafrechtlich abgesichert werden.

Was würde Andrew Carnegie heute fördern?

Kaum jemand hat das heutige Verständnis von Philanthropie stärker beeinflusst als Andrew Carnegie, der vor genau hundert Jahren, 1919, gestorben ist. Bei seiner Geburt 1835 in Schottland waren seine Eltern bettelarm und emigrierten nach Amerika. Mit grossem Fleiss und einer guten Portion Kaltschnäuzigkeit wurde Andrew Carnegie mit Geschäften in der Stahlindustrie zu einem der reichsten Männer seiner Zeit.

Im Jahr 1889 veröffentlichte er in der North American Review einen Text mit dem Titel «The Gospel of Wealth», in dem er die Reichen zur Philanthropie verpflichtete. «Der Mann, der reich stirbt, stirbt in Schande» lautet seine Schlussfolgerung und beschreibt die Motivation, die auch heute noch viele Philanthropen antreibt: Der Reichtum soll mit der Gesellschaft geteilt werden. Carnegie fordert von den Reichen, nicht auf Einmal-Effekte wie Almosen zu setzen, sondern besser in langfristige Ergebnisse zu investieren. Dazu nennt er folgende Bereiche: Universitäten, Bibliotheken und Museen, Krankenhäuser und medizinische Forschung, öffentliche Pärke, Hallen und Schwimmbäder sowie Kirchen als Zentren des sozialen Lebens.

Walk the Talk

Carnegie selbst ging mit gutem Beispiel voran: Er finanzierte in den USA, Schottland und England über 2’500 Bibliotheken, förderte Universitäten (Carnegie Mellon University), spendete für den Bau von Konzertsälen (Carnegie Hall) und zeichnete Lebensretter aus (Carnegie Trust Funds in 11 Ländern). Viele dieser Engagements bestehen bis heute, so beispielsweise auch die Schweizer Carnegie Stiftung für Lebensretter/innen. Aber auch viele andere der von ihm damals erwähnten Beispiele haben bis heute Bestand. So etwa die nach ihren Geldgebern benannten Universitäten wie Stanford, Cornell oder Johns Hopkins, die alle zu den besten der Welt zählen. Auch die Pratt Library in Baltimore oder der Schenley Park in Pittsburgh sind heute noch wegweisende Beispiele philanthropischen Engagements.

Was würde Carnegie heute fördern, um langfristige Wirkung zu erzielen?

In seinem Text macht Carnegie immer wieder deutlich, dass es ihm um die Entwicklung der Gesellschaft geht und er dabei verschiedene Aspekte im Blick hat. Zum einen will er die Leistungsfähigkeit stärken, durch Bildung und Forschung beispielsweise, und setzt dabei auf das Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe. Zum anderen ist ihm der gesellschaftliche Zusammenhalt wichtig, durch die Finanzierung von Begegnungsplätzen in Pärken, Gemeinschaftssälen oder Kirchen.

Was heutige Philanthropen von Andrew Carnegie lernen können, sind vielleicht weniger die konkreten Förderbeispiele, sondern vielmehr die Fundiertheit und Konsequenz, mit der Carnegie vorgegangen ist. Dabei setzt er den reichen Philanthropen durchaus harte Kost vor, indem er sie in die Pflicht nimmt, für ihre Philanthropie zu arbeiten.
Besonders zwei seiner Empfehlungen sind auch heute noch so herausfordernd wie damals:

  • Es ist viel einfacher zu geben, als abzulehnen.
  • Wer etwas fördert, sollte nicht überlegen, was es kostet, sondern wie es perfekt werden kann.

Das «Gospel of Wealth» von Andrew Carnegie zum Nachlesen (lange Version auf Englisch) oder in der deutschen Kurzfassung.

Carnegie und die Schweiz:
Am 24. Mai 2019 veranstaltet die Carnegie Stiftung für Lebensretter/innen (Schweiz) in Bern ein Symposium zu Andrew Carnegie und der Entwicklung der Philanthropie heute.
Weitere Informationen finden Sie hier

 

Die Schweiz – ein Kosmos der Privatmuseen

Das jüngste Museum in der Schweiz, dem Land mit der weltweit höchsten Museumsdichte, ist seit Anfang Jahr für das Publikum geöffnet: Das Muzeum Susch im Unterengadin verdankt seine Existenz (und seine Schreibweise) der polnischen Unternehmerin und Mäzenin Grazyna Kulczyk. In einem Gebäude, das früher als Kloster und dann als Brauerei diente, und im herausgesprengten Felsen nebenan schuf sie eindrückliche Räume für ihre Sammlung. Diese legt den Fokus auf konzeptuelle und feministische Kunst sowie auf das Kunstschaffen aus Ost- und Mitteleuropa. Diese Kreation ist Bestätigung dafür, dass das Engadin auch als Standort interessanter Museen sowie bedeutender Privatsammlungen und Kunstgalerien eine wichtige Kulturlandschaft darstellt.

Rahmenbedingungen mit Anziehungskraft

Die Gründung dieses Privatmuseums in Susch ist zudem ein Beweis für die Attraktivität der Schweiz für private Kulturinitiativen, insbesondere im Bereich der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts. Unter uns gesagt: Selbstverständlich hängt die Standortattraktivität unseres Landes auch mit der steuerlichen Abzugsfähigkeit von Einlagen von Kunstwerken (und anderen Sachwerten) in Stiftungen seit der letzten Stiftungsrechtsrevision von 2006 zusammen. Fakt ist, dass Kunstwerke von Milliardenwert dauerhaft und nie mehr herauslösbar im Eigentum von Stiftungen privatrechtlicher oder öffentlich-rechtlich organisierter Museen lagern. Freilich gilt es zu beachten, dass nicht gar alle Sammlungen, die mit dem Etikett «Stiftung» verbunden sind, tatsächlich im Eigentum einer Stiftung sind. In vereinzelten Fällen ist bloss der Museumsbetrieb in eine Stiftung ausgelagert, und die Kunstwerke sind im Eigentum des Sammlers oder der Sammlerin verblieben.

Kunstsammlungen in Privatmuseen – meistens fokussiert auf bestimmte Epochen oder Gattungen – sind starke Zeugnisse für die Vorlieben einzelner Philanthropen und natürlich Ausdruck von individueller Grosszügigkeit. Sie sind zudem Spiegel eines Wertegefüges bestimmter Gesellschaftskreise, wie übrigens des Sozialprestiges, welches Bildende Kunst auch heutzutage bringen kann. Derartige Haltungen scheinen auch der Fondazione Culturale Hermann Geiger der GABA-Miterbin und Philanthropin Sibylle Piermattei Geiger eigen zu sein. In Basel möchte sie gemäss neuester Medienberichte ein Nischenmuseum einrichten – vorläufig noch ohne konkretisierte Ausstellungsthemen, sondern einzig mit dem Anspruch, mittels Gratiseintritt einen niederschwelligen Zugang zu künstlerischen Inhalten zu ermöglichen. Man kann gespannt sein.

Allein in den letzten 25 Jahren, seit 1994, wurden gemäss der brandneuen Auflage des Schweizer Museumsführers etwa 50 Museen oder museumsähnliche Strukturen in der Sparte der Bildenden Kunst privat gegründet, nämlich von Einzelpersonen, von privatrechtlichen Stiftungen oder von Firmen. Nicht ganz allen Privatmuseen ist ein dauerhafter Erfolg beschieden. Im letzten Vierteljahrhundert sind nämlich auch vereinzelte Museen wieder eingegangen, wegen unzureichender Mittelausstattung oder mangels Besucherzuspruchs. Eines davon ist die Stiftung für Eisenplastik Sammlung Dr. Hans Koenig in Zollikon des gleichnamigen Eisenhändlers, die 2011 aufgegeben wurde. Ein anderes ist die Villa Flora in Winterthur, die zwischen 1995 und 2014 als privates Museum für die Sammlung Hahnloser mit schweizerischer und französischer Malerei vor und nach 1900 geführt wurde. 2022 soll sie im Netzwerk des eben neu formierten Kunst Museum Winterthur wiedereröffnet werden. Die Privatmuseumsszene ist sowieso in kontinuierlicher Bewegung, was manchmal auch ein Zeichen dafür ist, dass optimistische Szenarien bei einer Museumsgründung den Praxistest nicht immer bestehen. Und dass neue Rezeptionsgewohnheiten des Kunstpublikums nach neuen Strukturen rufen.

Planeten – Trabanten

Ernst Beyeler hatte Anfang der 1990er Jahre ein «Trabanten-Modell» studiert, eine Präsentation seiner bedeutenden Sammlung von Kunst der Klassischen Moderne in räumlicher unmittelbarer Nähe des Kunstmuseums Basel. Sein Museum sollte aber nicht bloss ein «Mond» sein. Er entschied sich deshalb gegen einen «Beyeler-Wing» und für ein eigenständiges Museum – in Riehen, einem Vorort von Basel. Dort wurde das ikonische Museumsgebäude von Renzo Piano von 1997 ein Mitauslöser des anhaltenden Erfolgs der Fondation Beyeler, die das meistbesuchte Kunstmuseum der Schweiz geworden ist. Und es spricht für die Qualität der Führungsstrukturen in der Nachfolge des verstorbenen Museumsgründers, dass das bestehende Museum mit einem Ergänzungsbau von Peter Zumthor auf einem Nachbargrundstück nun selbst einen markanten Ergänzungsbau als Trabanten erhalten wird.

Auf einen etwas anderen Weg verschlug es das Zentrum Paul Klee in Bern von 2005, das ausser dem Entwerfer seines Museumsbaus mit der Fondation Beyeler wenige Gemeinsamkeiten hat. Kopfgeburt eines dominant auftretenden, branchenfremden Mäzens, des Chirurgen und Orthopäden Maurice E. Müller, erfüllt das ZPK die anspruchsvolle Aufgabe als monographisches Künstlermuseum. 2016 wurde es über eine Dachstiftung mit dem Kunstmuseum Bern verbunden. Weitere private Künstlermuseen versuchen, ihrem anspruchsvollen Profil als Einthemenmuseum etwas zu entfliehen, indem sie ihren eigenen Künstler in Dialog mit anderen setzen. Kein anderes Haus tut es so inspiriert wie das Museum Tinguely (1997) – mit den Millionen seiner Gründerin F. Hoffmann-La Roche AG im Rücken.

zentrifugal – peripetal / synergetisch

Es kommt mir vor, als ob im Sonnensystem unserer Museen folgende Gravitationsverhältnisse herrschen: Staatliche Museen oder durch öffentlich-rechtliche Konstrukte finanzierte Museen sind Planeten, die Privatmuseen sind Monde oder dann Meteoriten, die von den Planeten einverleibt werden. Ich bin mir bewusst, dass dieses Bild die Komplexität unserer Museumslandschaft nicht genügend differenziert spiegelt – insbesondere nach dem Studium von Claudio Beccarellis Grundlagenwerk über die «Finanzierung von Museen» (2005). Aber es ist schon: Bisweilen suchen privat initiierte Museen die frequenzsteigernde Nähe von öffentlichen Museen. Gut zu beobachten ist das am Quai von Lugano, wo sich in unmittelbarer Nähe des Museo d’arte della Svizzera italiana MASI im neuen LAC die Collezione Giancarlo e Danna Olgiati (2012) und die Fondazione Gabriele e Anna Braglia (2014) mit ihren jeweiligen Ausstellungsräumen festgesetzt haben.

In einigen Fällen ist der Überlebenskampf als unabhängiges Privatmuseum so hart oder die Gravität eines Grossmuseums so anziehend, dass sich sogar gestandene Privatmuseen wie die Sammlung Imobersteg oder die Bührle-Sammlung entschieden haben, auf ihre räumliche Unabhängigkeit zu verzichten und sich quasi einverleiben lassen. Erstere hat 2004 ihren eher peripheren Standort in Oberhofen am Thunersee aufgegeben und ist ins Kunstmuseum Basel eingezogen. Die Stiftung Sammlung E. G. Bührle in Zürich verlässt ihre Historismus-Villa und wird nach sechzig Jahren 2020 ins dann eröffnende neue Kunsthaus von David Chipperfield umziehen.

Von Beginn weg eine differenzierte Lösung hat die Hilti Art Foundation im liechtensteinischen Vaduz (2015) gewählt: Sie hat unmittelbar neben das Kunstmuseum Liechtenstein, von dem her es unterirdisch zugänglich ist, einen freistehenden Museumskubus hingestellt (wie das bestehende Haupthaus ebenfalls von Meinrad Morger entworfen).

Wenn für Privatmuseen die Finanzmittel und das Besucheraufkommen nicht ausreichend verfügbar sind, dann bieten sich solche eben geschilderte Kooperationen an. Wichtig ist dabei, dass bei derartigen Shop-in-shop-Modellen resp. Rucksack-Lösungen das jeweilige Privatmuseum auch als Juniorpartner ein fein austariertes Profil und eine erkennbare Identität entwickeln kann. Schliesslich sollen sich nicht nur Synergien ergeben, sondern echte Win-Win-Situationen.

Lonely Planets

Ein rechter Teil der Privatmuseen lebt (oder überlebt) fernab von nennenswerten Gravitationsfeldern und grösseren Besucherströmen: in der Kulturprovinz, wo sie wertvolle Kunstvermittlung betreiben. Oft darben sie dort aber wegen zu geringer Mittelausstattung, und sie spüren über sich das Damoklesschwert möglicher Kürzungen oder Streichungen öffentlicher Subventionen. Denn in den meisten Fällen ist der Betrieb eines mit privaten Sammlungen resp. Geldmitteln aufgebauten Museums ohne die Beiträge der Kommunen, der Kantone und in vereinzelten Fällen des Bundes gar nicht möglich. Dem feinen Kunst(zeug)haus in Rapperswil, einer Gründung des Wirtschaftsanwalts und Kunstsammlers Peter Bosshard von 2008, hätte das St. Galler Kantonsparlament vor etwa zwei Jahren beinahe den finanziellen Stecker gezogen. In sichereren Händen ist das Kunstmuseum Appenzell von 1998 mit seiner Sammlung, ebenso sein Trabant Kunsthalle Ziegelhütte von 2003: Sie stehen unter der fachlichen und finanziellen Obhut der Heinrich Gebert Kulturstiftung Appenzell.

«Hybride»

Werfen wir noch einen kurzen Blick auf die Schnittmengen von Sammlungen und Museen: auf die Hybride. Dass Lösungen, die wir als «Hybride» bezeichnen, sogar Museumsprobleme beheben können, demonstriert das Beispiel der Stiftung von Werner Coninx aus der Tagesanzeiger-Herausgeberfamilie, welche ihren Museumsbetrieb nicht nachhaltig finanzieren konnte. Nach einem kompletten Strategiewechsel im Jahr 2016 fungiert die Stiftung nun hauptsächlich als Dauerleihgeberin der riesigen Sammlung von Kunst an diverse Schweizer Kunstmuseen, was sich als Lösung zu bewähren scheint.

In solchen «paramuseale Strukturen» arbeiten weitere bedeutende private Kunstsammlungen. Das von der Philanthropin und Roche-Erbin Maja Oeri 2003 für die Kunstbestände der Emanuel Hoffmann Stiftung kreierte Schaulager® in Münchenstein bei Basel ist den längeren Teil des Jahres Depot und Studiensammlung und nur während der Sommermonate öffentlich zugängliches Museum. Offensichtlich ist diese Institution nicht auf eine Maximierung ihrer Besucherzahlen aus.

Museumsähnlich eingerichtet – aber ganz ohne Kassahäuschen – ist die Sammlung der Unternehmerin Esther Grether in der Basler Altstadt, wo sie quasi als «Pool» für den internationalen Kunstausstellungsbetrieb (2000) dient. Von daher kommt es, dass man in Sonderausstellungen auf den Legendenetiketten die «Esther Grether Family Collection» als Leihgeberin lesen kann.

Am industriell geprägten Stadtrand von Basel arbeiten der Künstler und Sammler Urs Raussmüller mit seiner Frau Christel und einem kleinen Team in den Rausmüller Hallen (2014) mit ihrer nicht öffentlich zugänglichen Sammlung mit Kunst aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, mit der sie unter anderem Sonderausstellungen mit ihren Leihgaben beschicken.

Gespannt kann man sein wie sich die Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte SKKG des Winterthurer Immobilieninvestors Bruno Stefanini entwickelt. Vor wenigen Monaten haben Bundesgerichtsentscheide endlich Klarheit in die Leitungsstrukturen der Stiftung geschaffen, und nach dem kürzlich erfolgten Tod des Stifters dürfte das Stiftungsvermögen nochmals kräftig anwachsen. Diese beiden Entwicklungen wecken hohe Erwartungen an die begonnene Professionalisierung bei der Pflege dieser wichtigen Kunstsammlung. als begründet erscheinen. Die Stiftung selber verfügt über einen Immobilienbestand, der hoffen lässt, dass die bedeutendsten Teile ihrer Sammlung dereinst auch öffentlich zugänglich gemacht werden. Vorderhand geschieht das noch über Dauerleihgaben an Museen und Ausleihen an Sonderausstellungen. Angesichts ihrer beträchtlichen Kunstbestände und Mittelausstattung hat die Sammlung der SKKG das Potential eines «Jupiters» innerhalb des Planetensystems der Schweizer Privatmuseen.

Foto: «Bauten des Muzeum Susch» von Benno Schubiger