von Hansjörg Schmidt

Bei Stiftungen bestimmt die Risikofähigkeit die Anlagestrategie

Während bei privaten Anlegern oftmals die subjektiv-psychologische Dimension, sprich das «Wollen» stärker die Risikotoleranz und somit die Anlagestrategie bestimmt, sollte bei den Stiftungen die objektiv-quantitative Dimension, sprich das «Können» im Vordergrund stehen.

Wieviel Risiko wollen wir tragen?

Geht es um die Festlegung einer Anlagestrategie, so dreht sich bei privaten Anlegern vieles um die sogenannte Risikoneigung. Gemeint ist damit die persönliche Bereitschaft, Schwankungen und Verluste von Vermögenswerten hinzunehmen um längerfristig eine höhere Rendite zu erhalten.

So viel Risiko können wir tragen!

Bei einer Stiftung, die sich als Institution an ihre Vorgaben zu halten hat, ansonsten aber weniger emotionalen Spielraum braucht, ist es hingegen viel eher die Risikofähigkeit, die die Strategie auf der Anlageseite bestimmen sollte. Die Risikofähigkeit bestimmt das finanzielle Risiko, das die Stiftung mit ihrem Vermögen eingehen kann, ohne die Ziele oder gar die langfristige Existenz der Stiftung zu gefährden – und natürlich ohne irgendwelche reglementarischen Vorgaben zu verletzen.

Horizont und Mittelbedarf sind bestimmend

Wie bestimmt sich aber nun konkret die Risikofähigkeit? Generell gelten folgende Grundsätze:

  • Je kürzer der Anlagehorizont desto geringer  die Risikofähigkeit.
  • Je höher der Liquiditätsbedarf desto geringer die Risikofähigkeit.

Beides gilt natürlich auch in umgekehrter Richtung. Ein langer Horizont ermöglicht grundsätzlich das «Aussitzen» jeden Rückschlags in den Marktbewertungen. Und der Liquiditätsbedarf wird generell von der Vergabungs- und Ausschüttungsflexibilität der Stiftung beeinflusst. Ist es einer Stiftung beispielsweise möglich in schlechten Marktphasen auf Vergabungen zu verzichten, liegt die Risikofähigkeit entsprechend höher. Wurden in der Vergangenheit Schwankungsreserven aufgebaut, so begünstigt dies ebenfalls die Risikofähigkeit, da der Liquiditätsbedarf aus dem Anlagevermögen damit verringert wird.

Nüchtern und standfest bleiben

In der Grafik werden zwei Anlagestrategien (eine stark Obligationen-lastig, die andere stark Aktien-lastig) verglichen. Die Aktien-lastige Strategie zeigt insgesamt die klar bessere Performance, weist aber auch sehr deutliche Wertschwankungen auf: das Risiko ist erheblich grösser. Bis heute wurde dafür jeder Rückschlag in den Bewertungen früher oder später wieder wettgemacht und die früheren Höchststände übertroffen. Wenn dies, wie nach der Finanzkrise von 2008, über sechs Jahre braucht, ist vom Stiftungsrat allerdings eine nüchterne und standfeste Haltung gefordert.

Risikofähigkeit ausnutzen

Angenommen, der Auftrag einer Stiftung ist, eine möglichst weitrechende Wirkung zu erzielen, dann darf und soll sie ihren Spielraum – sprich: ihre Risikofähigkeit – auch ausnutzen. Im Gegenzug muss den Stakeholdern gegenüber klar kommuniziert werden, dass die unvermeidlichen Schwankungen in den Vermögenswerten bewusst in Kauf genommen werden.

Diversifikation ist zwingend

Unbedingte Voraussetzung für eine Ausnützung der Risikofähigkeit ist eine stark diversifizierte Anlagestrategie. Sämtliche Einzeltitelrisiken müssen so weit wie möglich weg-diversifiziert werden. Unwiederbringliche Ausfälle – zum Beispiel aufgrund von zahlungsunfähigen Emittenten – können im Gegensatz zu Wertschwankungen eben nicht «ausgesessen» werden.

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