von Roger Staub

Betroffene leiden und schweigen. Ein Nachtrag zum Tag der Psychischen Gesundheit

Die Stiftung Pro Mente Sana in Zürich hat bei sotomo eine repräsentative Befragung zum psychischen Stimmungsbild der Schweiz in Auftrag gegeben und am 10. Oktober 2018, dem Tag der Psychichen Gesundheit,  die Resultate publiziert: Die Menschen in der Schweiz sehen im Arbeitsstress die Hauptursache für psychische Leiden. Im Umgang mit dem psychischen Leiden scheinen vor allem zwei „Strategien“ zur Anwendung zu kommen: Leiden und Schweigen.

Viele Menschen leiden in der modernen Leistungsgesellschaft unter Überlastung und Stress. Zwei Drittel der Bevölkerung geben in unserer Studie an, im Verlaufe ihres Lebens schon einmal unter psychischen Belastungen gelitten zu haben. 1 von 5 Personen gibt an, sich aktuell in einem längerdauernden Tief zu befinden. Als Hauptfaktor (42 Prozent) für eine negative psychische Grundstimmung geben die Befragten Stress/Überlastung an.

Gleichzeitig haben 70 Prozent der Befragten Angst davor, über ihr psychisches Tief zu sprechen. Die Furcht, als nicht leistungsfähig und schwach zu gelten, ist weit verbreitet. 4 von 5 Menschen, die aktuell unter einer psychischen Beeinträchtigung leiden, fürchten sich davor, dass andere von ihrer Situation erfahren könnten.

Das Dilemma: Wenn es den Befragten nicht gut geht wünschen sie sich vor allem, dass ihr nahes Umfeld sie ernst nimmt und zuhört. Betroffene befinden sich also in einem Teufelskreis. Sie würden gerne über ihre Situation reden, fürchten sich aber gleichzeitig vor den Reaktionen. Das ist vor allem am Arbeitsplatz problematisch. Stress im Job wird als Hauptursache für die Entstehung von psychischen Krankheiten gesehen. Die Angst davor, als nicht mehr leistungsfähig zu gelten, erschwert die offene Ansprache bei beeinträchtigter psychischer Verfassung.

Die Schweiz hat ein Problem mit der psychischen Gesundheit

Mir scheint, dass langsam akzeptiert wird, dass die psychische Gesundheit der Schweizer Bevölkerung beeinträchtigt ist und zu hohen gesellschaftlichen Kosten führt. Immer wieder höre ich, „man muss was tun!“. Die oben erwähnte Studie zeigt mir das klare Bedürfnis der Bevölkerung, einen offeneren Umgang mit dem Thema „psychische Gesundheit“ zu finden – und ohne Ängste darüber reden zu können. Der „man“ aus „man muss was tun“ sind Sie und ich, sind WIR. Wir haben den Schlüssel in der Hand: die ernst gemeinte Frage „wie geht’s dir?“ zu stellen bei einer Begegnung mit genügend Raum und Zeit für eine ehrliche Antwort.

Menschen mit psychischer Belastung brauchen in ihrem nahen Umfeld ein offenes Ohr, echtes Interesse und eine nicht-verurteilende Haltung. Reden hilft! Verzichten sollten wir auf schnelle, billige Ratschläge wie „das wird schon wieder“, „das schaffst du“, „stell dich nicht so an“ oder „gib dir etwas Mühe“. Viel besser ist einfach zuhören, nachfragen und dann gemeinsam überlegen, was helfen könnte, fragen, was die Person sich wünscht oder braucht. Gesprächstipps auf www.wie-gehts-dir.ch

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