Empathische Kommunikation zwischen Förderstiftung und Projektpartner

by Fatiah Bürkner

Folgende Geschichte erzählte mir einmal ein sehr geschätzter früherer Arbeitskollege. Als Entwicklungshelfer stand er einst vor einer Schulklasse in Niger und erzählte den 14-jährigen Schülern von der Schweiz. Dazu zeigte er viele Bilder. Da meldete sich ein Junge plötzlich und fragte ihn: «Sir, at what age do Swiss girls marry?». Die Antwort: «Usually in their late 20’s or 30s.”. Ein fassungsloses Raunen ging daraufhin durch die Klasse. Schliesslich rief der gleiche Junge: «But Sir, this is terrible! What is being done to help them?»

Diese Episode hat mich nachhaltig beeindruckt. Sofort stellte ich mir vor, wie diese nigerischen Schüler das für sie vollkommen sinnvolle Programm «Du schaffst das – Mit Ehepartner Dein volles Potenzial ausschöpfen» in Kooperation mit dem Sozialdepartment Zürich entwickeln. Wie es sich anfühlt, wenn sie in mir, als damals 40-jährige unverheiratete Frau, einen potentiellen, da «bedürftigen» Teilnehmer sehen, obgleich ich eigentlich hinreichend zufrieden war.

Rückblickend wäre es schön gewesen, meinen wunderbaren Ehemann früher kennengelernt zu haben. Vielleicht dort. Item. Will sagen, unabhängig davon ob ein Projekt tatsächlich die Lebenssituation verbessern kann, ist die Bereitschaft eines Menschen, sich auf etwas einzulassen gering, wenn man mit einem Label wie «Migrationshintergrund» oder «verhaltensauffällig» versehen und darauf reduziert wird.

Empathische Kommunikation mit der Zielgruppe ist also zentral im gemeinnützigen Sektor, wo grundsätzlich verschiedene Lebenswelten und Wertevorstellung ständig aufeinandertreffen. Darin sind die Projektpartner uns Förderstiftungen aufgrund ihrer täglichen Arbeit im Feld oft voraus. Stiftungen sind dahingehend naturgemäss weniger sensibilisiert. Denn für einen Geldgeber in einem chronisch unterfinanzierten Sektor hat fehlendes Fingerspitzengefühl gegenüber dem Projektpartner keine gravierenden Konsequenzen.

Dennoch, die meisten Stiftungen möchten partnerschaftlich arbeiten und verstehen, worauf es im Förderbereich ankommt.
Vor jedem Gespräch und jeder Beurteilung sollten auch wir uns deshalb regelmässig fragen:

  1. Wie sieht die Lebenswelt des Gegenübers aus?
  2. Aus welcher Perspektive beurteilt er sein Tun und den Erfolg?

In der Praxis ist dies zum Beispiel dort relevant, wo Lieblingsbegriffe von Stiftungen wie «Professionalisierung» oder «Capacity Building» häufig als verletzende Kritik an der fachlichen Qualifikation der Mitarbeiter in Bezug auf die Zielgruppe verstanden werden obwohl man als Stiftung etwas anderes meint. Oder wenn man bei einem Tanzprojekt mit Jugendlichen die Leitung unbeabsichtigt befremdet, da man vor allem Fragen zu den erlernten sozialen Kompetenzen stellt (Förderungsgrund) aber kaum über den künstlerischen Anspruch der Inszenierung. Obwohl Letztere der Grund ist, weshalb das Projekt existiert und die Jugendlichen überhaupt teilgenommen haben.

Den Projektpartner im Gespräch dort abzuholen wo er steht, ist daher ein Merkmal für die Professionalität einer Stiftung und muss in jedem Kontext neu gelernt werden.