«Leider nein» – Von der Crux des Absagens beim Fördern

by Benno Schubiger

Der anspruchsvollste Teil bei der Arbeit von Förderstiftung ist die Selektion der besten Projekte aus den Gesuchen. Und dann folgt bereits der Umgang mit dem etwas undankbaren Thema der Ablehnungen von nicht geförderten Eingaben. Ein gutes «Absage-Management» bringt die Gesuchstellenden im Idealfall trotz Ablehnungen weiter, und zwar ohne dabei die Geschäftsstelle der Förderstiftung zu überfordern.

Letzthin fragte mich eine Gesuchstellerin, welche von einer von mir präsidierten Förderstiftung, ein Ablehnungsschreiben erhalten hatte, wieso wir unsere Absagebriefe bloss so summarisch begründen würden. Angesichts der Vielzahl von eintreffenden Gesuchen ist das Absagen Schreiben eine tägliche Aufgabe der Stiftungen. Und die Diskussion, wie man Absagen formuliert, ist ein Dauerthema. Stiftungen mit viel Fördermitteln und mit einer Vielzahl von Förderbereichen aber ohne klare Kommunikation ihrer bevorzugten Förderziele sind aus leicht erklärlichen Gründen mit besonders vielen Gesuchen konfrontiert. Die daraus folgend sehr zahlreich notwendigen Ablehnungen, können grosse Kapazitäten der Geschäftsstelle einer Stiftung binden – durch eine Arbeit, die man als eher «unproduktiv» taxieren möchte. Effizienter arbeiten da Förderstiftungen, die mit fokussierten Stiftungszwecken ausgestattet sind, die in einem guten Verhältnis zu den verfügbaren Fördermitteln stehen. Aber auch eine bestens aufgestellte Förderstiftung kommt nicht ohne Ablehnungen aus, nicht zuletzt, weil das Geld einfach nicht für alle unterbreiteten Projekte reicht, und wären diese alle von förderwürdiger Qualität.

Absagen, klar. Aber wie?

Es gilt zu unterscheiden zwischen «technischen» und «inhaltlichen» Ablehnungskriterien. Zu den «technischen» Absagegründen zähle ich zu späte Einreichung von Gesuchen, nämlich zu einem Zeitpunkt, welcher der angeschriebenen Stiftung keine Entscheidungsfindung mehr von dem Start des betroffenen Projekts ermöglicht. «Technische» Absagekriterien sind für mich auch offensichtliche Nichtübereinstimmung eines unterbreiteten Projektinhalts mit den kommunizierten Förderzwecken der angeschriebenen Förderstiftung. Mit Verweis auf solche Inkompatibilitäten lassen sich glaubwürdige Absageschreiben versenden, die dem Einsender zeigen, dass die Geschäftsstelle das Gesuch studiert hat. Stiftungen, welche immer noch keine Web-Präsenz haben oder ihre Förderziele sonst unklar vermitteln, sind natürlich im Nachteil und werden sich mit einem übergrossen, unproduktiven Gesuchverkehr samt Energieverschleiss rumschlagen müssen. 

Das Risiko einer Direktablehnung besteht auch bei Eingaben zu an sich guten Projekten mit dürftigen Dossiers. Nicht alle Stiftungssekretariate haben die Zeitkapazität (und die Geduld!), unzulängliche Gesuche in langwierigen Beratungen der Einsender zu «retten». Gesuchsteller, die niederschwellige Anleitungen wie «Das perfekte Gesuch» oder die «Tipps zur Erstellung von Fördergesuchen» nicht beherzigen, sind selber schuld.

«Inhaltliche» Absagen können verschiedene Ablehnungsgründe haben. Die Gesuchbearbeiter bei den Förderstiftungen – manchmal sind es Spezialisten, oftmals handelt es sich um Generalisten – taxieren die Qualität des eingereichten Projektes als zu tief, attestieren ihm eine zu geringe Priorität, zweifeln an Konzept, Budget oder Gesamterfolg. Oder es misslingt ihnen schlicht und einfach, ihren Stiftungsrat zu einer Zusage zu bewegen.

«Keine Absage wird dem Gesuch gerecht»

Nicht alle Stiftungen geben sich bei solchen Fällen dazu her, Ablehnungen mit detaillierten Begründungen transparent abzulehnen. Sie beurteilen das Risiko als zu gross, sich auf endlose Diskussionen mit einem frustrierten Gesuchsteller einzulassen, der sich nicht bloss missverstanden, sondern auch noch ungerecht behandelt fühlt. Dass man sich in Ablehnungs-Argumentationen «verheddern» kann, ist tatsächlich eine Gefahr, die manche Stiftung scheut. Denn die Sekretariate der allermeisten Privatstiftungen sind personell ganz knapp dotiert und haben oftmals einem anforderungsreichen Gesuchverkehr mit dem Charakter eines «Massengeschäfts» zu bewältigen. Oftmals müssen sich deshalb Absagebriefe mit eher nichtsagenden Begründungen begnügen.

Was hinter einer solchen Haltung des vorsichtigen «Nicht-Argumentierens» auch noch stecken kann, hat Pius Knüsel, der frühere Kultursponsoring-Verantwortliche der Credit-Suisse und nachmalige Direktor der Stiftung Pro Helvetia, 2001 in dieses Diktum gekleidet: «Keine Absage wird dem Gesuch gerecht». Es spricht daraus auch der Respekt gegenüber der kreativen Leistung von Kulturschaffenden, deren Projekte nicht immer in die Schemen der Förderer passen. 

Es ist für jeden einsichtig, dass die Stiftungen keinesfalls allen Anträgen Folge leisten können und sie deshalb Gesuche auch mit Verweis auf die beschränkten Fördermittel ablehnen. Aber auch in solchen Absagen kann ein unausgesprochener Subtext mitschwingen: Andere Projekteingaben haben uns mehr überzeugt und wir ziehen diese deshalb der Ihrigen vor.

Wie sieht es die Literatur?

Was Sie bis hierhin von einem Stiftungspraktiker erfahren haben, tönt im SwissFoundations Code (ja, dieses Universal-Tool äussert sich auf S. 85 auch zu den «Absagen») etwas dezenter: «Bei schriftlichen Absagen genügt der Hinweis, dass das Gesuch der Strategie der Stiftung nicht in ausreichendem Masse entspricht. Es empfiehlt sich auch die den Selektionsprozess wiedergebende Formulierung, dass die im Rahmen der Entscheidungsvorbereitung erstellte und an den Förderkriterien orientierte Rangliste nicht zugunsten eines positiven Entscheids ausgefallen sei.» 

Elisa Bortoluzzi Dubach wirbt in ihrem Buch Stiftungen – Der Leitfaden für Gesuchsteller auf S. 200 für Verständnis für die Stiftungen: «Eine Stiftung muss eine ablehnende Entscheidung nicht begründen. Oftmals entscheiden projektunabhängige Überlegungen über Annahme oder Ablehnung eines Gesuches.»

Beide Publikationen plädieren für einen pfleglichen Umgang mit dem erwartungsgemäss enttäuschten Gesuchsteller. Die Stiftungen sollen «mit Informationen, Empfehlungen oder Hinweisen weiterhelfen» (Bortoluzzi Dubach). Der Code rät, «im Absageschreiben auf die Möglichkeit eines klärenden, erläuternden oder beratenden Telefongesprächs hinzuweisen». Tunlichst solle man auf Stiftungsseite «jeden Anschein von Ungeduld, Unverständnis und Arroganz vermeiden». Noch etwas weiter gehen Georg von Schnurbein und Karsten Timmer auf S. 208 ihres Bandes Die Förderstiftung, Strategie – Führung – Management mit ihrem Rat an die Stiftungen: «Bei einer Ablehnung sollte deshalb darauf geachtet werden, dem Antragsteller weitere Perspektiven zu geben. Dies kann ein Hinweis auf eine andere Stiftung sein, für die das Projekt interessant sein könnte, …» oder fallweise ein Empfehlungsschreiben.

Bei all dem Gesagten ist zu berücksichtigen: Wir äussern uns hier über die gemeinnützigen Privatstiftungen, die keine «harten» Stakeholder kennen. Bei ihnen haben die Gesuchstellenden keine einklagbaren Ansprüche. Aus diesem Grund rät der Swiss Foundation Code auch davon ab, Wiedererwägungsanträge zuzulassen. (Anders sieht es bei den staatlichen Förderstellen aus. Gegen Verfügungen der Stiftung Pro Helvetia können beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerden eingereicht werden; notabene kostenpflichtig.) 

«Absagen als kulturelle Tat»

Soweit sind wir schon? 

Soweit waren wir schon im Jahr 2002! «Absagen als kulturelle Tat» hiess 2002 der (fragezeichenlose) Titel der zweiten Arbeitstagung des damals noch ganz jungen Forums Kultur und Ökonomie. «Da Absagen zahlreicher sind als Zusagen, gestalten wir per Nein die Kulturlandschaft Schweiz vermutlich erheblicher mit als durch grosszügige Jas», lautete das spekulative Theorem. Und dieses war in seinem Kern ja eigentlich ein verklausuliertes Plädoyer fürs Fokussieren beim Fördern. 

Die Notwendigkeit der Fokussierung hat seine Aktualität bis heute nicht verloren. 

Literaturhinweis:

Abseits von Theorie und Spekulation ist der Praxisratgeber Ja sagen – Nein sagen Förderentscheidungen klar kommunizieren des deutschen Branchenleaders Bertelsmann Stiftung. Auch wenn nicht alle Erwägungen und Vorschläge auf unsere Verhältnisse übertragbar erscheinen, ist die Lektüre dieser Online-Broschüre allemal hilfreich.