Ehrlich währt am Längsten

Wie sagt man so schön: «Lügen haben kurze Beine» oder auch «Ehrlich währt am längsten». Wir alle kennen diese beiden und noch weitere, ähnliche Redewendungen bestens. Doch sie zu kennen, ist einfach. Viel schwieriger – aber auch viel wichtiger – ist es, nach ihnen zu handeln.

Als Projektleitende versuchen wir alle unser Bestes. Wir planen, koordinieren, implementieren und überprüfen unsere Projekte. Wir streben danach, die gesetzten Ziele zu erreichen um damit das Projekt möglichst erfolgreich umzusetzen und abzuschliessen. Dies alles tun wir nicht nur für unseren persönlichen Erfolg, sondern auch, um die bestmögliche Wirkung zu erzielen. Um die Welt ein Stückchen besser zu machen. Und gleichzeitig tun wir das auch immer für sie: unsere Geldgeber – auch bekannt als Kantone, Kirchen, Gemeinden oder Förderstiftungen.

Doch was passiert, wenn wir die Projektziele nicht erreichen? Wenn gewisse Projektkomponenten scheitern? Und was ist, wenn wir nichts dagegen tun können?
Um eine Projektkomponente erfolgreich umsetzten zu können, war ich auf die Mitarbeit von Freiwilligen angewiesen. Genauer gesagt, musste ich diese zuerst für die Teilnahme motivieren, denn ohne die freiwilligen Jugendlichen konnte auch die Projektkomponente nicht umgesetzt werden. Doch nach Ablauf der Anmeldefrist hatte ich keine Anmeldung erhalten. Lag es daran, dass die Jugendlichen keine Zeit hatten? Oder dass ich das Projekt zu wenig spannend erklärt hatte? Vielleicht hatten sie keine Lust? Oder das Projekt war einfach nicht spannend genug? Die genauen Gründe kenne ich nicht – ich weiss nur, dass ich vor zwei Herausforderungen stand:

  • Die erste lässt sich mit Phantasie und neuen Ideen bewältigen: Wie schaffe ich es, meine Projektziele trotzdem – oder zumindest teilweise – zu erreichen? Was wären also mögliche Alternativen?
  • Die zweite birgt da schon mehr Risiko: Wie erkläre ich diese Veränderungen den Geldgebern des Projektes und wie reagieren diese wohl darauf?

Es gäbe nun ein paar Möglichkeiten um die zweite Herausforderung zu bewältigen. Sollen wir das ganze schönreden? Oder sollen wir einfach nur die guten Dinge betonen und hoffen, dass dieser Misserfolg ihnen nicht auffällt? Diese Wege mögen für gewisse Personen verlockend sein, für mich gibt es aber nur eine Möglichkeit: Transparenz. Es klingt banal, doch so ist es: Ich habe mein Bestes gegeben. Ich habe innerhalb meiner Ressourcen alles versucht, die Projektkomponente wie geplant umzusetzen. Und ich habe eine Alternative auf die Beine gestellt, mit der zumindest ein Teil der geplanten Projektziele doch noch erreicht werden können – wenn auch in einer adaptierten Form. Wieso sollte ich es also nicht auch so den Geldgebern kommunizieren?

Und auch wenn ich mir selber nichts vorzuwerfen habe, so bleibt doch ein kleiner Zweifel bestehen: werden sie es akzeptieren? Können sie die externen Faktoren nachvollziehen und verstehen, dass bei der freiwilligen Arbeit mit Jugendlichen, diese nicht zu einer Teilnahme gezwungen werden können? Oder werden sie kritisieren, dass ich mehr für die Mobilisierung hätte tun müssen? Oder werden sie vielleicht sogar einen Teil ihrer Unterstützung zurückziehen?

Im Moment weiss ich das noch nicht. Ich werde es aber herausfinden, sobald die Geldgeber im nächsten Reporting darüber informiert werden. Im Moment kann ich mich nur auf etwas stützen: auf das Wissen, dass ich aus meiner Sicht alles nötige getan habe und dass ich hinter meiner Alternative stehe. Und dass ich diese Situation mit all ihren Herausforderungen ehrlich und transparent an die Geldgeber meines Projektes kommuniziere. Dass ich nichts zu verheimlichen habe und zu den Misserfolgen stehe. Und nur das kann ich allen anderen Projektleitenden auch raten. Denn: «Ehrlich währt am längsten».

Wer hat, dem wird gegeben?!

Wie kommt es, dass eine renommierte, seit 40 Jahren bestehende Stiftung seit ihrer Gründung einfach nicht zu Geld kommt und auch professionell umgesetztes Public Fundraising keinen Ertrag bringt? Fehlt es an Betroffenheit? Im Fall dieser Stiftung überhaupt nicht: In der aktuellen repräsentativen Umfrage in der Schweiz sagt jede fünfte Person, dass sie in den letzten 12 Monaten betroffen war und selbst gelitten hat. Und neun von zehn Befragten bemerken, dass sie betroffene Personen im nahen Umfeld kennen.

Haben Sie das Thema erkannt?

Ja, es geht um psychische Erkrankungen. Psychische Störungen betreffen viele und verursachen hohe Kosten, nicht nur in der Krankenversicherung sondern auch in der Wirtschaft. Und ja, man könnte etwas tun. Viele psychische Erkrankungen sind behandelbar. Betroffene Menschen können wieder gesund werden, wenn sie Zeit und Sicherheit bekommen, ihren Genesungsweg zu suchen und selbst zu gehen. Und wenn früher geholfen würde, wäre die Behandlung oft kürzer und einfacher.

In den Medien und in Fachkreisen hat das Thema Konjunktur. Viele sehen, dass die Schweiz ein Problem mit der psychischen Gesundheit hat. Die Meisten finden, «man» sollte etwas tun. Nun, da gibt es eine bewährte Stiftung, die sich seit 40 Jahren des Themas annimmt, die betroffenen Menschen und ihre Angehörigen ins Zentrum stellt und sich für ihre Rechte einsetzt. Eine Stiftung, die viele Ideen hat und eine Menge davon schon in die Praxis umgesetzt hat. Eine Stiftung, die gut ins Ausland vernetzt ist und Projekte kennt, die im Anderswo wirken. Und hierzulande Pilotprojekte lancieren möchte. Eine Stiftung, die nach neuen Wegen sucht, weil sie nicht glaubt, dass „mehr vom Selben“ als Lösung für die Zukunft taugt.

Aber, kein Geld. Das beste Testmailing zur Spendergewinnung hat gerade mal 50% der Portokosten gedeckt. Fazit der Profis: Es ist zu früh, man kennt euch zu wenig gut und das Thema ist immer noch stark tabuisiert.

Also, institutionelles Fundraising! Eine Analyse der Themen von Förderstiftungen bringt nur wenige Treffer für psychische Gesundheit, aber viele für Gesundheit allgemein. Bei Neugründungen von Stiftungen stehen die Themen Alzheimer und Krebs zuoberst auf der Liste. Unsere Themen kommen fast nie vor. Offenbar orientieren sich viele daran, was die andern tun und tun dann eben auch mehr vom Selben. Und so kommt es, dass einzelne Organisationen im Geld schwimmen und gewisse Themen überfinanziert sind und es neue und zudem tabuisierte Themen schwer haben und chronisch unterfinanziert sind, obwohl gerade am Anfang eines Konjunkturzyklus neues Geld mehr Effekt produzieren würde als später.

Seit neun Monaten arbeiten wir gemeinsam und finanziert mit der Beisheim Stiftung an einem Präventions- und Früherkennungsprogramm und im Dezember 2018 hat uns die Swiss Re Foundation als «Charity of the Year» gewählt und damit ein Zeichen für Engagement für psychische Gesundheit gesetzt! Es gibt sie also, die pionierhaften Unternehmen, die den Mut haben, unpopulären Ideen zum Durchbruch zu verhelfen, dem hoffentlich andere folgen werden. Denn eines muss allen klar sein: Keine Gesundheit ohne psychische Gesundheit!