Redet miteinander! Stiftungsgespräch am 1. Oktober 2019

Die Veranstaltung von Swissfoundations beleuchtet das komplizierte Verhältnis zwischen Politik und gemeinnützigem Stiftungssektor. Auf beiden Seiten sind oft Unverständnis und fehlendes Wissen über den anderen anzutreffen. Die Stiftungswelt hegt das Vorurteil, der Staat sei bürokratisch, ineffizient und seine Strukturen überholt. Der Politik mangelt es häufig am Verständnis über Funktionsweise und Leistungsfähigkeit des Stiftungssektors. Und so scheuen beide Diskussionen und Kooperationen.

Aber: Es kommt Bewegung in die Beziehung. In den Kantonen Genf, Aargau und Bern werden Strategien zur Förderung philanthropischen Engagements erarbeitet, im Grossen Rat des Kantons Basel-Stadt wurde ein Vorstoss zur Steigerung der Dynamik des Stiftungsstandortes eingereicht.

Wie wichtig ein konstruktiv geführter Dialog ist, zeigt der Blick nach Europa. Auch wenn die Verhältnisse mitnichten verglichen werden können, löst die Einschränkung des Gestaltungsspielraums für zivilgesellschaftliches und stifterisches Wirken in Ländern wie Ungarn, Polen, Russland oder der Türkei auch bei uns Besorgnis aus. Woher kommt dieses Misstrauen zwischen Mäzenen und Stiftungen auf der einen und Politik und Gesellschaft auf der anderen Seite?

Das Stiftungsgespräch 2019 spürt dem Verhältnis von Politik und Stiftungen nach, forscht nach den Ursachen und stellt die Frage, wie der aufflammende Dialog in Schwung gebracht werden kann und wem dabei welche Rolle und Aufgabe zufällt.

Programm

Ab 17:30 Eintreffen der Gäste
Ab 17:50 Begrüssung | Beate Eckhardt, Geschäftsführerin SwissFoundations

Ab 18:00 Warm Up | Einführung und gemeinsame Diskussion

Ab 18:45 Redet miteinander!

  • Barbara Bleisch, Philosophin und Moderatorin Sternstunde Philosophie (SRF), im Gespräch mit Anja Wyden Guelpa und Andri Silberschmidt.
  • Anja Wyden Guelpa hat als ehemalige Genfer Staatskanzlerin die Entwicklung der ersten kantonalen Stiftungsstrategie vorangetrieben und verantwortet. Heute ist Anja Wyden Guelpa unter anderem als Direktorin des civicLab und Dozentin tätig.
  • Andri Silberschmidt ist seit 2011 politisch aktiv, Präsident der Jungfreisinnigen Schweiz und Vorstandsmitglied der FDP Schweiz. Aktuell kandidiert Andri Silberschmidt für den Nationalrat.

Ab 19:45 | Drinks, Food and Talks

Referenten

Veranstaltungsort
KOSMOS | Lagerstrasse 104 | 8004 Zürich

Anmeldung

 

 

Dokumenten-Management-Systeme: Die vier grössten Vorurteile

62’200 Personen engagieren sich als Stiftungsräte. Im Durchschnitt sind 5.3 Personen in einem Stiftungsrat – meist auf ehrenamtlicher Basis. Und gerade einmal 12.7 % aller Stiftungen haben eine angestellte Geschäftsführung1.1

Mit anderen Worten bis zu 11’500 Stiftungen bewahren ihre Dokumente bei einem ihrer Stiftungsräte auf. Das Gros der Stiftungsräte kann aber darauf nicht jederzeit zugreifen. Zudem besteht ein Datenverlust- und -sicherheitrisiko, dass so hoch nicht sein müsste. Denn es gibt einfache und günstige Digitalisierungslösungen, so genannte Dokumenten-Management-Systeme (DMS).

Dokumenten-Management-Systeme (DMS) sollen Organisationen helfen, Papierberge per Mausklick zu digitalisieren. Trotzdem schrecken viele vor ihrer Einführung zurück.

Die vier grössten Vorurteile:

Das ist doch alles viel zu kompliziert.

Jeder von uns arbeitet heute bereits digital, vielleicht noch nicht vollumfänglich, aber Office, Outlook und Co. können wir alle bedienen. Und die meisten Software-Lösungen funktionieren ähnlich intuitiv und lassen sich ebenso leicht handhaben.

Die Anwender sind übrigens jedes Mal überrascht, wie einfach ein DMS zu händeln ist. Die Dokumentensuche funktioniert z.B. nicht anders als eine simple Suchanfrage im Internet.

Die Umstellung dauert zu lange.

Dieser Eindruck entsteht, weil neue Nutzer die Einführung eines DMS oftmals mit einer komplexen neuen Finanzbuchhaltungs-Software oder einem Workflow-System vergleichen. Solche Systeme stellen vorübergehend die komplette Organisation auf den Kopf.

Eine DMS-Einstiegslösung lässt sich bei weniger als 12 DMS-Nutzern bereits in zwei Tagen implementieren.

Gewohnte Arbeitsprozesse werden gestört und neue müssen erst mühsam erlernt werden.

Manche Dinge ändern sich. Aber nicht unbedingt zum Schlechteren, im Gegenteil! Wer schafft es denn, in wenigen Sekunden seinen gesamten Aktenschrank zu durchsuchen? Mit einem DMS geht das per Mausklick. Auf diese Art spart man viel Zeit.

Wichtig! Ein DMS optimiert lediglich die Arbeitsweise, die Arbeitsprozesse bleiben in der Essenz jedoch die gleichen.

Digitale Daten sind flüchtig. Nur was ich anfassen kann, hat auch Wert.

Bei der Einführung eines DMS ist immer wieder erlebbar, dass das Druckvolumen zu Anfang messbar ansteigt. Der Grund? Bevor Nutzer ein Dokument in der „elektronischen Wolke“ nicht wiederfinden, drucken sie es lieber noch mal aus. Nach ein paar Wochen sinkt das Volumen wieder, weil die Nutzer verstehen, dass die Daten auf dem Server sicher und vor allem schnell auffindbar sind.

 

1 Der Schweizer Stiftungsreport 2017, S. 4+7

 

 

Ist es der Phantomschmerz gefühlter Enterbung …?

Ist es der Phantomschmerz gefühlter Enterbung oder ist es der Ersatz für fiktive Eigentümerinteressen? Familienvertretungen in Stiftungsräten spielen eine besondere Rolle. Haben sie auch spezifische Aufgaben? Mit dieser Themenstellung beschäftige ich mich in meinem April-Blog.

Der Geschäftsführer einer traditionsreichen Förderstiftung sagte mir einmal, dass die Familienvertreter in seinem Stiftungsrat immer etwas speziell, etwas anders seien. Er meinte wohl: etwas «mühsam» seien.

Ein Blick von der anderen Seite

Schauen wir uns diese Konstellation einmal aus der Sicht eines solchen Familienvertreters an: Da «delegiert» mich meine Verwandtschaft in den Stiftungsrat einer Stiftung, die mein verstorbener Grossonkel gestiftet hatte. Weder habe ich meinen verwandten Stiftungsgründer persönlich gekannt, noch finde ich das Förderthema seiner gemeinnützigen Stiftung sonderlich interessant. Aber ich sitze nun mal in diesem Stiftungsrat, und versuche dort, meiner Verantwortung als Mit-Stiftungsrat gerecht zu werden. Fast alles ist mir neu – auch die herrschende Hackordnung, in der ich nicht nur der Neueste, sondern auch der Jüngste bin. Interessiert schaue ich zu, wie die Stiftungsgeschäfte laufen. Ich frage. Ich hinterfrage. Kritisch absolviere ich meinen Lernprozess. Skeptisch analysiere ich die Rollen der verschiedenen Akteure innerhalb der Stiftung. Ich muss das tun – nicht zuletzt, weil alles, was diese Stiftung tut, auch im Namen meines eigenen Familiennamens geschieht, den ich mit meinem Grossonkel teile.

Bei einer Rechtsfigur wie jener der Stiftung, die quasi «sich selbst gehört» und keine «harten» Anspruchsgruppen kennt, sind «Eigentümerinteressen» im eigentlichen Sinne sozusagen inexistent. Die Stiftungsaufsicht beschränkt sich im Wesentlichen auf eine Rechtsaufsicht. Missbräuchliches Verhalten ist in Stiftungen trotzdem möglich. Der Swiss Foundation Code von SwissFoundations zählt deren Hintergründe auf: Self-Dealing, Interessenskonflikte etc. So ist es kein Wunder, wenn in Stiftungsräten die Familienmitglieder manchmal nicht im Mainstream der Mehrheitsmeinungen (der sich in Stiftungen noch so gerne ausformt) mitmachen wollen, sondern Handlungsweisen kritisch hinterfragen. Und dabei vielleicht etwas «mühsam» wirken.

Wie schwierig es ist, als Familienangehöriger in einem Stiftungsratsgremium gegen eine vorherrschende Meinung anzutreten, und wie undankbar dies werden kann, das zeigte sich kürzlich im Fall der Fondation Susanna Biedermann in Basel, wo ein Stiftungsratsmitglied aus der Verwandtschaft des Stiftungsgründers eine Aufsichtsbeschwerde gegen ihre ehemaligen Mit-Stiftungsräte wegen kungetreuer Geschäftsbesorgung erheben wollte –erfolglos, weil die Klägerin aus der Verwandtschaft des Stifters ihre Klage erst nach dem einstimmigen Rausschmiss aus dem Stiftungsratsgremium eingereicht hätte. Ein anderes aktuelles Beispiel ist jenes der Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte von Bruno Stefanini, wo die Nachkommen des Stifters ihre stiftungsurkundlich gewährleistete Einsitznahme im Stiftungsrat bis vor Bundesgericht erkämpfen mussten.

Pflichten, aber keine Sonderrechte für Familienvertretungen

Familienmitglieder in Stiftungsräten haben die üblichen Pflichten, aber sie verfügen über keine Sonderrechte, unabhängig davon ob sie kraft einer Regelung im Stiftungsstatut oder durch Kooption im Gremium des Stiftungsrats Einsitz genommen haben. Es «stehen ihnen in aller Regel weder statutarische, noch gesetzliche Rechte zu». Der Swiss Foundation Code postuliert im Gegenteil, dass auch bei Familienangehörigen des Stifters dieselben sachlichen Wahlkriterien wie bei den übrigen Stiftungsratsmitgliedern anzuwenden seien.

Es einsichtig, dass Stiftungsräte aus der Stifterfamilie oft einen Impetus spüren, besonders gut auf die Einhaltung des Stiftungszweckes zu achten und auch auf die finanzielle Langlebigkeit der Stiftung zu pochen (was in Tiefzinszeiten wie heute ja nicht immer leicht zu verfolgen ist). Auf der anderen Seite müssen sie verinnerlichen, dass eine gemeinnützige und steuerbefreite Stiftung schweizerischen Rechts keine private Familienstiftung ist (wie in Liechtenstein und in Österreich gang und gäbe) und dass sie als unabhängige und in sich ruhende Rechtsform nicht der verlängerte Arm der Stifterfamilie sein kann.

Auf was m. E. deshalb auch noch geachtet werden sollte: Wenn mehrere Familienvertreter in einem Stiftungsrat sitzen, vergrössert dies den Einfluss der betreffenden Stifterfamilie massiv. ; Im Extremfall reisen die Familienvertreter gar mit absoluter Mehrheit (und möglicherweise mit bereits gemachter Mehrheitsmeinung) an eine Stiftungsratssitzung, was ich im Fall einer steuerbefreiten Stiftung problematisch fände. Im «Mustergesetz» des European Foundation Centre war vorgeschlagen gewesen, «dass der Stifter und ihm nahe stehende Personen nicht unter sich sein sollen». Und differenzierter formuliert: «Stifter und andere Vorstandsmitglieder, die untereinander oder zum Stifter in einer Beziehung stehen, die Interessenkonflikt begründen könnte, der Urteilsvermögen beeinträchtigt, dürfen nicht Mehrheit bilden». Denn die Gründung einer gemeinnützigen und steuerbefreiten Stiftung als personifiziertem Zweckvermögen intendiert ja ein Ausscheiden des Stiftungsvermögen aus dem Rechtskreis des Stifters. Und diese wäre bei Familienmehrheiten in Stiftungsräten vermutlich nicht immer in letzter Konsequenz gewährleistet. (Es kommt hinzu, dass «Diversität» auch bei der Zusammensetzung von Stiftungsräten zu besseren Resultaten führen dürfte.)

Was für den Vorschlag des nicht realisierten Statuts einer «Europäischen Stiftung» hätte gelten können, das machte auch in der Schweiz Sinn. Eine Voraussetzung wäre dann freilich, dass Aufsichtsbeschwerden von Mitgliedern eines Stiftungsrats gegen Mit-Stiftungsräten wegen missbräuchlichem Handeln uneingeschränkt zulässig würden.

PS: Die Zitate in Kursive stammen aus Veröffentlichungen von Prof. Dominique Jakob von der Universität Zürich.

Mehr Transparenz bei der Nachfolge in Stiftungen

Niemand weiss, wie viele Stiftungen in den nächsten Jahren ihre Nachfolge regeln müssen. Wegen der demographischen Veränderung dürfte sich die Zahl in Analogie zu den Unternehmensnachfolgen bewegen. Zieht man die in der NZZ publizierten Zahlen zum Unternehmertag zu Rate, muss rund ein Achtel der Unternehmen1 ihre Nachfolge regeln. Umgelegt auf die rund 13’000 Stiftungen in der Schweiz wären das 1’625 Stiftungen mit Bedarf für die Nachfolgeregelung.

Die Nachfolge bei Stiftungen zu regeln, bedeutet zugegebenermassen nicht dasselbe wie bei Unternehmen, da bei Stiftungen keine Eigentumsnachfolge notwendig ist. Hingegen haben die Leitungsorgane von Unternehmen und Stiftungen das gleiche ‚Ablaufdatum’. Insofern ist die Zahl von 1’625 Stiftungen vermutlich sogar zu tief geschätzt, da wohl im Durchschnitt mehr als ein Stiftungsratsmitglied in den nächsten Jahren ersetzt werden muss.

Stiftungen sind schwach reguliert. Die Aufsicht muss im Grundsatz nur eingreifen, wenn eine Stiftung ihren Zweck nicht mehr erfüllt. Sie kann die Steuerbefreiung entziehen, oder wenn dauerhaft keine Zweckerfüllung mehr möglich erscheint, die Auflösung prüfen. Da die allermeisten Stiftungen wegen der steuerlichen Privilegien im öffentlichen Interesse stehen bzw. stehen müssten, sind Unvereinbarkeiten wegen der schwachen Regulierung ernst zu nehmen.

Unternehmen mit einem öffentlichen Interesse, wie börsenkotierte Aktiengesellschaften, werden regulatorisch oft hart an die Kandare genommen. Selbst an reine Empfehlungen, wie der Swiss Code of Best Practice, müssen sie sich halten, da sie sonst de facto vom Kreditmarkt ausgeschlossen werden. Im Gegensatz dazu die Stiftungen, welche auf freiwilliger Basis den Empfehlungen des Swiss Foundation Code folgen können, aber bei Nichtbeachtung nicht mit (Markt-)Sanktionen rechnen müssen.

Zwei Mal öffentliches Interesse und trotzdem wird in gleich wichtigen Governance-Fragen unterschiedlich reguliert. Das ist unschön, insbesondere wenn es um die Besetzung der Leitungsorgane geht. Kapitalgesellschaften und Vereine verfügen über einen Wahlkörper und zweistufige Leitungsorgane. Stiftungen oft nur über eine Stufe, weshalb der Stiftungsrat selbst die Geschäfte führt und seine Nachfolger ernennt. Das ist eigentlich störend, da der Stiftungsrat schliesslich der Garant für die Einhaltung und Ausübung des Stiftungszwecks ist. So sollte wenigstens Transparenz darüber herrschen, wie die Nachfolger gesucht und gefunden werden.

Es wäre nicht zu viel verlangt, wenn Stiftungen ihre Nachfolge mit öffentlichen Ausschreibungen regeln müssten, und die Aufsicht oder – bei revisionspflichten Stiftungen – der Wirtschaftsprüfer dieses Vorgehen prüfen müsste. Bei ca. 500 Nachfolgefällen2 pro Jahr, wäre das keine grosse zusätzliche Last, würde aber das öffentliche Ansehen und das Vertrauen in den Stiftungssektor stärken.

20 Fakten zum Unternehmerland Schweiz, NZZ-Verlagsbeilage vom 20. Februar 2019, S. 4 und 5. Gemäss einer Analyse von Bisnode D&B müssen 73’786 Schweizer Unternehmen in den nächsten Jahren ihre Nachfolge regeln, und das BFS zählte 2016 601’755 Unternehmen.
1625 Nachfolgefälle mal 1,5 (Anzahl zu ersetzende Stiftungsratsmitglieder) verteilt über ca. 5 Jahre.

99 Neugründungen im 4. Quartal 2018

Die Stiftungslandschaft ist im 4. Quartal 2018 um 99 Stiftungen gewachsen. Dabei sind es mit 40 vorwiegend fördernde nach den operativen mit 33 und gemischten mit 26 Neuzugängen. Erfasst wurden dabei die sog. klassischen gemeinnützigen Stiftungen, nicht jedoch z.B. die Wohlfahrtsstiftungen und Firmenstiftungen.

Am meisten Stiftungen gab es diesmal im Bereich Bildung, gefolgt von Kunst/Kultur/Freizeit und Politik/Wirtschaft/Gesellschaft. Der Bereich Soziales, welcher im 3. Quartal die Nase vorn hatte, ist auf den 4. Rang zurück gefallen.

Es gilt zu beachten, dass die meisten neu gegründeten Stiftungen in der Regel mehrere Monate Zeit brauchen, um ihre Arbeit aufnehmen zu können, unabhängig davon, ob sie nun operativ oder fördernd tätig sind. Und im Verlauf der Zeit, nach ersten Erfahrungen, ändern dann auch manche ihre Wirkungsform (reine Förderstiftungen mutieren zB zu gemischt tätigen Stiftungen) oder legen die Schwerpunkte ihrer Tätigkeit neu. Die Stiftungslandschaft ist somit dauernd in Bewegung.

 

Neugründungen Schweizer Stiftungen im 4. Quartal 2018

Das Schweizer Stiftungssymposium | 21. und 22. Mai 2019

2019 verlässt das Schweizer Stiftungssymposium – das grösste Branchentreffen des Schweizer Stiftungssektors – die Komfortzone. Zusammenhänge und Herausforderungen werden globaler, Lösungen grenzüberschreitender und komplexer. Das Schweizer Stiftungssymposium 2019 diskutiert und reflektiert neue Themen und Ansätze der Stiftungsarbeit, ermöglicht kluge Einordnungen und bietet Raum für die Debatte. «Beyond the Comfort Zone» ist Versprechen und Anspruch zugleich.

Swissfoundations freut sich, Sie am 21. und 22. Mai 2019 im Berner Oberland willkommen zu heissen.

Programm
Anmeldung

Kulturförderung zwischen Infarkt und Markt

Den Hashtag #keeparcopen haben Sie wohl nicht zu Gesicht bekommen. «Keep Arc open» war im vergangenen November der Appell von Kulturschaffenden an den Migros-Kulturprozent, dessen artist residency namens Arc in Romainmôtier Ende 2018 nicht zu schliessen. Die Migros war dabei «ertappt» worden, wie sie die Schliessung dieser fast fünfundzwanzigjährigen Künstlerresidenz im ehemaligen Benediktinerkloster im Waadtland nichtkommunizierte. Mittlerweile ist die Arc geschlossen. Und die unterschriftensammelnden und twitternden Kulturschaffenden sind um eine Déjà-vu-Erfahrung reicher – wie viele ihrer Branchenkollegen zuvor: Die Kulturförderer sitzen tatsächlich am längeren Hebel.

Der Kulturinfarkt
Die komplexe Gemengelage von Förderern und Geförderten war auch ein Hauptthema des Buches «Der Kulturinfarkt», das ich aus gerade genanntem Anlass letzthin einer Re-Lektüre unterzogen habe. Diese 2012 nach ihrem Erscheinen harsch kritisierte Streitschrift gab auf relevante Fragen (Wieso von allem zu viel und überall das Gleiche?) wenig hilfreiche Rezepte (Totalumbau der Kultur- und Förderstrukturen). Dieses Pamphlet aber kritisierte richtigerweise die weitverbreitete Marktferne der Kulturschaffenden und daraus folgend deren sehr weitgehende Abhängigkeit von Förderern jeglicher Art – des Staates, der Stiftungen, der Mäzene, der Sponsoren.

Nur weil in den letzten sieben Jahren kein Kulturinfarkt eingetreten ist (übrigens: Wie würden dessen Symptome eigentlich lauten?) ist die Situation für die Kulturproduzenten heute nicht besser als 2012. Immer mehr Kulturschaffende (die Kunsthochschulen sind ja zum «Produktivitätswachstum» verurteilt) müssen sich immer weniger Kulturkonsumenten teilen (da sich die Konsumvorlieben in andere Räume, z.B. in digitale Sphären, verlagern). Das spüren insbesondere die Theaterhäuser, welche begonnen haben, zwecks Erhöhung der Auslastungsquoten ihre Sitzreihen zu verringern (Basel hats vorgemacht; das Schauspielhaus in Zürich will nachziehen).

Fördern im Wandel
Dass die grosse Abhängigkeit der Kulturschaffenden von den Förderstrukturen fatal sein kann, dafür ist die Aufhebung der Arc durch den Migros-Kulturprozent ein Indiz. Das Fokussieren und das Betonen eigener Projektinitiativen, das die Migros der Aufgabe der Arc argumentativ hinterherschob, ist beim Fördern im Trend. Auch die Kantone entziehen sich solchen Entwicklungen nicht. Es sei das Beispiel des Kantons Basel-Stadt genannt, der seine Musikförderung vom reinen Subventionieren in ein Modell mit Ausschreibung und Mehrjahresverträgen umgewandelt hat, bei dem die Öffentliche Hand quasi die Rolle einer Pseudo-Intendanz übernimmt. Und eben zu Jahresbeginn hat sich Philanthropie-Professor Georg von Schnurbein in einem Interview in einer Richtung geäussert, die aufhorchen lässt: Grössere Förderstiftungen würden eine immer aktivere Rolle spielen, und in den letzten Jahren hätte man einen steten, wenn auch langsamen Wechsel von Kultur zu Sozial- und Umweltthemen beobachtet.

Da stellt sich gleich die Frage: Werden die Zeiten für Kulturschaffende, die auf Stiftungs-Fundraising angewiesen sind, künftig noch härter? Finanzkrise und Niedrigzinsumfeld zwingen die Förderstiftungen ja schon seit einem Jahrzehnt zum Sparen. Und die verstärkt an die Stiftungen gerichteten Erwartungen eines sichtbaren und transparenten Förderns animiert zu Schwerpunktbildung und Programmation – somit zu einer Gegenposition zur vielzitierten Fördergiesskanne. Bei ihren Prioritätensetzungen achten die Stiftungen (fördernd aber nicht zwingend mäzenatisch agierend) auf die gesellschaftliche und kulturpolitische Relevanz der von ihnen unterstützten Projekte. Man muss ja nicht gleich den Begriff «Marktgängigkeit» in den Mund nehmen, wenn man von einem Kulturförderprojekt erwartet, dass es Sitzplatz- oder Buchverkäufe anvisiert, Downloads generiert oder mindestens zu Clicks animiert (und von alle diesen gerne viele!). Ich schreibe dies weil ich bisweilen den Eindruck kriege, dass gesuchstellenden Kulturschaffenden die «performance» manchmal wichtiger als die «audience» ist, will heissen dass das Faktum des Aufführens zentraler zu sein scheint als das Publikum, das ihnen zuhören und zuschauen soll.

Kultur heisst Pflege, Beziehungspflege
Die lateinische «cultura » heisst « Bearbeitung / Pflege ». Wenn damit ursprünglich vor allem der Ackerbau gemeint war, erwarte ich von der «Kultur» heute natürlich nicht eine manierliche Dreifelderwirtschaft, sondern durchaus unbändige Wüchsigkeit. Die dafür notwendige Energie beziehen die Kulturschaffenden aus ihrer Inspiration. Den Dünger steuern die Förderer bei. Weil sich reibt, was sich liebt, noch dieses hier: Geförderte wie Förderer stecken in einer Zweckgemeinschaft. Oft werden (wahlweise) die Anspruchshaltung, die Undankbarkeit, ja die Unflätigkeit des jeweils anderen als eine Zumutung empfunden. Förderpartnerschaften sind eben – wenn sie geschlossen und irgendwann mal wieder gebrochen werden – auch Tauschbörsen der Ideen, der Werte und der Temperamente. Infarkt hin, Markt her.

Foto: Benno Schubiger

Das Magazin StiftungSchweiz.ch 04-18

Die Ausgabe 4-18 des Magazins von StiftungSchweiz.ch ist online. Sie können es hier lesen. Hauptthema: Stiftungslandschaft Schweiz «under construction». Die französische Version finden Sie hier.

Wie «politisch» darf eine Stiftung sein

Förderstiftungen halten sich in der Schweiz traditionell aus dem politischen Dialog heraus. Doch mit der Professionalisierung und der Fokussierung auf spezifische Themenfelder haben sich die Voraussetzungen geändert. Themenarbeit bedeutet auch, dass man jene Prozesse mit beeinflusst, welche die Rahmenbedingungen eines Problems definieren. Auch Förderstiftungen kommen deshalb nicht darum herum, sich mit dem politischen Umfeld zu beschäftigen.

Die Entwicklung der Fördertätigkeit von Stiftungen wurde in den letzten Jahren stark beeinflusst durch ihre Professionalisierung, die auch den Anspruch an die eigene Wirkung stark verändert hat. Die Förderung soll evidenzbasiert und wirkungsorientiert sein. Dieser Anspruch hat folgerichtig zur Themenfokussierung vieler Förderer geführt.

Diese Fokussierung hat eine wichtige Konsequenz zur Folge: Spätestens nachdem man die Forschungsgrundlagen erarbeitet, innovative Projekte entwickelt und bewährte Arbeitsansätze ausgerollt und implementiert hat, kommt man nicht umhin, über die Rahmenbedingungen zu sprechen, in denen die entsprechenden Themen eingebettet sind. Ob in der Bildung, der Migration, der Ökologie oder der Gesundheit, es sind immer auch die gesetzlichen, politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die diese Bereiche markant mitprägen.

Wirkung ist abhängig von den Rahmenbedingungen

Die Wirkung, die man erzielt, ist in erheblichem Mass von diesem Rahmen abhängig. Hier muss jede Stiftung entscheiden, ob sie an der politischen Verhandlung dieser Rahmenbedingungen teilnimmt, sie evtl. sogar so zu beeinflussen versucht, dass man dem Erreichen des Wirkungsziels etwas näher kommt. Sei es bei der Frühförderung, der Inklusion von Menschen mit einer Beeinträchtigung oder der Chancengerechtigkeit zwischen Männern und Frauen, man kommt kaum darum herum, sich zu äussern – denn sich nicht zu äussern ist ebenso «politisch».

Advocacy ist ein wichtiger Teil der Arbeit

In Diskussionen hört man zwar oft, dies sei nicht die Aufgabe von Förderern. Doch Förderung hat immer vier mögliche Zielbereiche:

  1. Die Schaffung der notwendigen Grundlagen durch Forschungsförderung.
  2. Die Entwicklung neuer Lösungsansätze durch Innovationsförderung.
  3. Die Ausbreitung von bewährten Arbeitsansätzen durch Mulitplikationsförderung.
  4. Die Veränderung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen durch Advocacy oder deren Förderung.

Der Bereich Advocacy wird von den meisten Stiftungen als nebensächlich betrachtet, oft mit dem Hinweis auf die Stiftungsurkunde, welche die eigene Organisation als «überparteilich und überkonfessionell» ausweist. Doch es geht weder um Parteien noch um Konfessionen, sondern um jene Faktoren, die das Erreichen des Stiftungsziels mitbestimmen. Und dies ist nicht nur die operative Arbeit oder die Forschung.

Zeit, Erfahrungen zu sammeln

Im Schweizer Konkordanz-System spielt der NPO-Bereich eine ungleich wichtigere Rolle als in anderen Demokratien. Seit 200 Jahren, spätestens seit der Gründung der SGG, bestimmt der 3. Sektor ganz massgeblich mit, wie sich unsere Gesellschaft entwickelt. Hier besteht ein Handlungsspielraum, der auch von Förderstiftungen bewusst genutzt werden soll – eine alte Tradition, die wieder neu gelernt werden muss.

Stiftungen und Firmen als Förderer von Universitäten – ein spannendes Verhältnis

In Basel freuen wir uns über die Mega-Spende der Botnar-Stiftung an die Universität Basel und an das in Basel domizilierte Departement Biosysteme der ETH-Zürich für ein neuzugründendes Botnar Research Centre for Child Health. Und wieder einmal staunen wir über die ungebrochene Anziehungskraft der Schweiz für grosse Stiftungsvermögen.

Wie bedeutsam Universitäts- und Wissenschaftsförderung durch Stiftungen, Sponsoren und andere Private ist, haben Georg von Schnurbein und Tizian Fritz in ihrer aufschlussreichen Studie «Philanthropie für die Wissenschaft» 2014 erstmals für die Schweiz dargelegt. Demnach flossen im Zeitraum zwischen 2005 und 2012 im Rahmen von Stiftungsbeiträgen und privaten Forschungsmandaten universitären Hochschulen durchschnittlich 6 % ihres Gesamtaufwands zu. Allein im Jahr 2011 handelte es sich dabei um eine Summe von 440 Mio. Fr. Die 100 Mio. Fr., welche die Botnar Stiftung in den nächsten zehn Jahren in das nach ihr benannte Research Centre einschiessen will, zählt zu den grössten Zuwendungen an Schweizer Universitäten, neben der 150 Mio.Fr.-Spende von Hansjörg Wyss und Ernesto Bertarelli in ihren Biotech Campus in Genf und Lausanne, neben der testamentarischen 100 Mio. Fr.-Vergabung von Branco Weiss an die ETH Zürich, neben der 100-UBS-Millionen an den UBS Center for Economics in Society.

Mega-Spende – Heisses Eisen

Besonders die letzterwähnte Spende hatte gewaltige Diskussionen ausgelöst: Da die Vereinbarung zwischen der Sponsor-Bank und die Universität Zürich anfänglich nicht öffentlich gemacht worden war, schossen nicht nur viele Medien, sondern sogar Professoren der eigenen Uni gegen einen vermuteten «Deal». Bei der Berichterstattung über neue Stiftungsprofessuren oder Sponsoren für Universitäten ist Skepsis geradezu als Konstante zu beobachten. Der Argwohn der Medienschaffenden und Studierendenvertretungen gilt den Fragen: Bleibt die Freiheit der universitären Forschung gewährleistet? Nimmt die zahlende Förderstiftung Einfluss auf eine Lehrstuhlvergabe? Hat sie eventuell gar ein Mitspracherecht beim Forschungsdesign? Und bei der Verteilung der Sympathien schlägt folgender Antagonismus voll durch: hier professorale Forscher und Lehrer in Weiss, dort Sponsoren und Stiftungen mit möglicherweise obskuren Absichten.

Richtlinien schaffen Klarheit

Zur eingangs erwähnten Botnar Stiftungs-Spende sind kritische Töne bin anhin unterblieben – vernünftigerweise. Die Stiftung und die beiden involvierten Hochschulen haben transparent informiert. Und sie üben Transparenz auch noch nach dem Medienereignis, wie ich mich persönlich überzeugen konnte. Die Universität Basel gewährte mir auf Nachfrage anstandslos Einblick in die Fördervereinbarung, in der ich schon in der Präambel diese Formulierung vorfand: «Der Inhalt dieses Vertrags kann auf Anfrage offengelegt werden.»

Ganz offensichtlich hat die Universität Basel die Lehren aus dem Zürcher «UBS-Fall» im Jahr 2012 gezogen. Und andere Universitäten vermutlich auch. Eine nach der anderen haben sich die Schweizer Universitäten in den letzten vier Jahren neue Fundraising-Richtlinien gegeben oder bestehende Reglemente stark überarbeitet. Als eine der letzten die Uni Bern Anfang 2018 mit einem besonders differenzierten, umsichtigen Papier. Fast alle sind auf den Websites der Unis publiziert, ausser im Fall der Università della Svizzera Italiana, welche ihre Richtlinien als «intern» betrachtet. Etwas eigenartig auch dieses hier: Meine Anfrage an die HSG-Stiftung der Uni St. Gallen wurde von der Universitätsförderung beantwortet, mit dem Verweis auf eher rudimentäre, defensiv formulierte Informations- und Offenlegungsrichtlinien von 2010 auf der Website.

Die publizierten Richtlinien der Hochschulen sind in ihren Detaillierungsgraden recht unterschiedlich. Im Grundsatz sind aber etliche dieser Reglemente relativ ähnlich. Manchmal hat man den Eindruck, die Unis hätten sich gegenseitig abgeschrieben. In der Hochhaltung der Lehr- und Forschungsfreiheit sind sich alle einig. Nuancen bestehen selbstverständlich. Dass die Uni Zürich Barspenden ausschlägt, ist löblich. Dass die Basler wie die Zürcher nur von FINMA-beaufsichtigten Finanzinstituten Überweisungen annimmt, ist klug.

Stinkt Geld wirklich nicht?

Einige Universitäten berufen sich auf ihre Reputation, die sie durch Zuwendungen Dritter, die als möglicherweise problematisch betrachtet werden könnten, sich nicht beschädigen lassen wollen. Ethisch kontaminierte Gelder können für das Ansehen bald einmal toxisch wirken.

«Geld stinkt nicht!» – Ausser nach Nikotin beispielsweise. Die Uni Basel verzichtete vor einigen Jahren auf eine geplante Donation eines Tabakkonzerns, und zwar mit der Begründung «Die Universität Basel ist rauchfrei.». Auf meine entsprechende Nachfrage hin sagt mir ein Vertreter dieser Uni, dass sie nicht eine eigentliche «Negativliste» führen würden, sondern bei Spendenangeboten situativ entscheiden würden. Der Geschäftsführer einer Uni-Förderungs-Stiftung mit Negativliste schreibt: «Die üblichen verdächtigen Firmen (Tabak, Waffen etc.) sind ausgeschlossen». Man kann es mit einem anderen deutschen Sprichwort auch so formulieren: «Einem geschenkten Gaul schaut man heut’ ins Maul.»

Honni soit qui mal y pense!

Vereinzelte Universitäten haben – wie eben erwähnt – auch noch ihnen beigesellte Sammelstiftungen, die ihrerseits erfolgreiches Fundraising betreiben. Die UZH Foundation und die ETHZ Foundation werben jährlich mehrere Dutzend Millionen Franken ein, die sie für Projekte oder Professuren ihrer eigenen Hochschule einsetzen. Etwas auffällig ist, dass die den Hochschulen affiliierten Förderungsstiftungen auf ihren Websites deutlich lapidarere Richtlinien als ihre «Mutterhäuser» veröffentlichen. Mit dem Ziel der Transparenz und Kongruenz müssten aber die ethischen Standards der zuliefernden Uni-Förderungsstiftungen die Qualität der Richtlinien der Unis selbst erreichen. Und Zwecks Vertrauensbildung sollten beide veröffentlich werden. Es muss ja der potentielle Eindruck vermieden werden, es könnten problembehaftete Drittmittelbeiträge für universitäre Hochschulen im grossen Spendentopf der vorgelagerten Uni-Stiftungen «diluiert» werden.