Gesuchsmangement-Tools – Praxistipps für die Implementierung in Förderstiftungen

Beschäftigen Sie sich gerade (und seit Jahren) mit dem Thema Gesuchsmanagement-Tool? Haben Sie schon mehrere Tools und Tausende von investierten Franken hinter sich? Welcome to the club! Offenbar sind wir nicht die Einzigen auf dieser Odyssee – hier also einige Tipps, wie man Fallstricke vermeiden kann.

Angesichts von jährlich über 200 Gesuchen, von denen nur etwa 5% bewilligt werden, war für unsere Stiftung der Gedanke, die Bearbeitung der Anträge zentral abwickeln zu können, verführerisch. Verheissungsvoll lesen sich da die Werbeprospekte von Anbietern aus dem In- und Ausland. Doch die Auswahl des Tools und die Implementierung hat es in sich. Der wichtigste Tipp vorweg ist: Bloss keine vorschnellen Entscheidungen nach dem Motto «Augen zu und durch» oder «das ist ein bekannter Anbieter, das wird schon» – auch wenn der Kopf raucht.

Denn die grösste Herausforderung beim Transfer von off- zu online ist, dass man sich bei in Bezug auf Prozesse und Formulierung festlegen muss. Was bei einem Antragsformular im Word-Template schnell selbst geändert ist – z.B. wenn sich eine Frage als nicht präzise genug formuliert herausstellt – ist bei einer Softwarelösung nur bedingt möglich, da sonst Daten verloren gehen.

Tipp 1 – Intensive Vorbereitung

Schreiben Sie akribisch sämtliche internen Prozesse bei der Antragsbearbeitung auf, BEVOR Sie sich überhaupt Anbieter anschauen. Nur so können Sie die Angebote im Detail beurteilen, denn darauf kommt es wirklich an. Falls Sie noch kein Antragsformular haben, wird sehr viel Zeit auf die Formulierung der Fragen entfallen. Schauen Sie sich dazu diejenigen anderer Stiftungen in gleichen Bereichen an. Die besten Hinweise hierzu erhalten Sie von Projektpartnern, die unzählige Antragsformulare ausgefüllt haben. Leitfrage sollte sein: Ist diese Information für die Stiftung wirklich relevant? Vermeiden Sie ein «Ach, das nehme ich auch noch rein.» und versetzen Sie sich auch in die Lage der Antragsteller. Wir haben in stark vereinfachter Form die der Mercator Stiftung Schweiz übernommen ;).

Tipp 2 – Einbeziehung des Stiftungsrats

Standardisierte Fragen und Bewertungsindikatoren für das Tool festzulegen ist schwierig, wenn die Stiftung keine expliziten Förderkriterien hat und der Stiftungsrat frei über Anträge diskutiert. Viele Tools bieten Beurteilungskriterien an, was praktisch sein kann aber nur, wenn diese auch relevant sind. Ansonsten werden Sie später beim Ausfüllen unnützer Felder stöhnen. Die Einführung eines Tools kann eine Chance sein, mit dem Stiftungsrat einen Strategieprozess anzustossen. Die Herausarbeitung von roten Fäden in bislang geförderten Projekten ist dabei eine gute Diskussionsgrundlage und bringt oft überraschend Einheitliches zu Tage.

Tipp 3 – Offline testen mit Antragsstellern und Schulterblick bei Peers

Testen Sie das Antragsformular eine Weile unbedingt mit echten Anträgen bevor Sie es Ihrem Anbieter zur Programmierung weitergeben. Es hat bei uns noch einige Anpassungen in der Formulierung und Reihenfolge gegeben, da einige Fragen oft nicht die gewünschten Antworten gebracht haben. Später ist alles quasi in Stein gemeisselt. Sobald Sie selbst ein gutes Verständnis über Ihre Anforderungen haben, lohnt es, sich bei Stiftungskollegen bestehende Tools anzuschauen.

Viel Erfolg!

«Foundrising» und andere Missverständnisse

«Fundraising» kann auf verschiedene Arten geschrieben: korrekt wie soeben gerade, kreuzfalsch wie im Titel, oder dann andersfalsch als «Fundrising» resp. als «Foundraising». Allen vier Schreibweisen bin ich in Gesuchen begegnet, die ich in den Jahren meiner Tätigkeit für eine grosse Förderstiftung bearbeitete. Der Begriff, aber auch das, was dahintersteht, stiftet offensichtlich Missverständnisse.

Wörter schaffen Fakten
Deshalb, liebe Gesuchstellerinnen und Gesuchsteller, verwendet Ihr in Euren Förderanträgen das Wort Fundraising am besten überhaupt nicht. Dieser Begriff ist nämlich etwas kontaminiert. Zumindest bei den hiesigen Förderstiftungen kommt Fundraising etwa so herüber, wie es die wörtliche Übersetzung aus dem Englischen erwarten lässt: als ein Synonym für «Geldauftreiben». Und für eine so platte formulierte Interaktion mögen sich nicht alle Stiftungen recht hergeben. Sprecht deshalb in Euren Gesuchen lieber nur von «Mittelbeschaffung».

Liebe Fundraiserinnen und Fundraiser, Ihr übt einen wichtigen Beruf aus. Leider aber hat Eure Berufsbezeichnung in gewissen Kreisen ein Image-Problem. Mag sein, dass Eure allerersten Berufskollegen dafür verantwortlich sind, welche in den 1980er oder 1990er Jahren mit diesem neuen Begriff auch ein etwas spezielles Geschäftsgebaren in die Schweiz brachten. Ich weiss bloss, dass das Image-Problem dieses Begriffes real ist. Gerade kürzlich hat mir ein Mitarbeiter einer bedeutenden Stiftung mit einer Mischung aus Ergötzen und Befremden gesagt, es hätte sich doch vorhin tatsächlich jemand am Telefon als Fundraiser vorgestellt.

Diese Tätigkeits- respektive Berufsbezeichnung leidet beispielsweise unter ihrer begrifflichen Eindimensionalität. Fundraising ist ja viel mehr als bloss hinter dem Geld her Laufen. Der entsprechende Eintrag im Online-Lexikon Wikipedia zeigt die thematische Breite der Tätigkeit des Fundraising und somit der Ansprüche an die Fundraiser gut auf. – Wieso kommt dann fast nur der finanzielle Aspekt herüber?

Feedbacks für Fundraiser
Weil ich das genauer wissen wollte, machte ich vor einiger Zeit bei damaligen Geschäftsführerkollegen grösserer Schweizer Förderstiftungen im Abstand von vier Jahren zwei Sondierungen zu jeweils nachfolgenden drei Fragen. Ich tat diese im Rahmen von Vorbereitungsarbeiten für Referate.

  1. «Welche Erfahrungen haben Sie im Rahmen Ihrer Stiftungsarbeit mit Fundraisern gemacht?»
  2. «Was ist Ihre Meinung zur Zusammenarbeit mit Fundraisern?»
  3. «Welche generellen oder speziellen Mitteilungen sollte ich den Fundraisern unbedingt überbringen?»

Das Umfrageresultat war – sagen wir – durchzogen. Auch wenn ich hier zu jeder Frage bloss je eine einzige, repräsentative Antwort aus den Geschäftsführungsetagen der Förderstiftungen zitiere, werden Sie realisieren, dass die Fundraising-Szene noch etwas an ihrer Aussenwahrnehmung arbeiten sollte, dass sie vor allem den vielfältigen kommunikativen Aspekten ihrer Arbeit einen stärker reflektierten Stellenwert geben sollte:

«Unklar in meiner Erfahrung ist die ethische Seite: Die Raiser, die ich erlebt habe, waren «money driven», waren aufs Geld aus. Und das bringt dieser Branche, die von der Reputation lebt, langfristig keinen Erfolg.» (Eine der Antworten auf die Frage 1).

«Ich werde oft von Fundraisern kontaktiert. Dabei stelle ich meist fest, dass sich diese Personen mit den Grundlagen unserer Stiftung vorbereitend nicht oder nicht ausreichend auseinandergesetzt haben. Oft wird dieser Mangel an Wissen acquisitions-rhetorisch kompensiert. Weiters fällt auf, dass den Fundraisern oft ein inneres Verständnis, eine Detailkenntnis und auch ein Commitment für das Projekt fehlt, für das sie Geld sammeln.» (Eine Antwort auf Frage 2).

«Sehen Sie sich als Handelsreisender, der gute Produkte/ Projekte einem möglichen Interessenten vorstellt. Stellen Sie sicher, dass der Geldgeber diejenigen Informationen erhält, die er tatsächlich braucht. Und gehen Sie davon aus, dass der Inhalt zählt, nicht die Verpackung.» (Eine der Antworten auf Frage 3).

Guter Rat ist nicht teuer
Platzen Sie also nicht mit dem Begriff Fundraiser hinein, wenn sie sich für eine Projektfinanzierung einsetzen. Camouflieren Sie halt ein bisschen durch die Verwendung von Begriffen wie Mittelbeschaffung, Förderpartnerschaften, Spendenmarketing etc.

Es fällt Ihnen kein Stein aus der Krone (es entgeht Ihnen höchstens etwas Umsatz) wenn Sie die Fördergesuche nicht in jedem Fall selber verfassen, sondern Grundlagen und Texte vonseiten der Auftraggeber einfach redigierend-disziplinierend in die geeignete Form bringen. Authentizität bringt vermutlich grösseren Erfolg als aufgepimpter Fundraiser-Sprech.

Sie müssen sich als Fundraiser nicht zwingend in den Vordergrund stellen. Oft können Sie im Hintergrund – dann halt mit tieferem Profil – genauso effektiv agieren. Wenig spricht dagegen, dass dabei im Gesuch angemerkt wird, die Gesuchsteller würden bei der Mittelbeschaffung beispielswese durch Frau xy von der Firma z unterstützt.

In diesem Falle – und vielleicht überhaupt – sollte in den Gesuchunterlagen klargestellt werden, dass keine der mit der Mittelbeschaffung betrauten Personen auf Provisionsbasis entschädigt wird (womit dann stipuliert wird, dass dies nach Aufwand geschieht – oder gar unentgeltlich, was dann auf jeden Fall einer Erwähnung wert wäre). Bei gewissen Konstellationen empfiehlt es sich, ausdrücklich auf die «Ethischen Richtlinien für das Fundraising» von Swissfundraising Bezug zu nehmen.

Selbstverständlich gibt es viele Anlässe resp. Gelegenheiten, die den persönlichen Kontakt der Fundraiserin oder des Fundraisers mit dem potentiellen Geldgeber erfordern. Diese entscheiden ja nicht immer ausschliesslich «sur dossier». Dann gilt es, die kommunikativen Fähigkeiten einzusetzen. Zu diesen zähle ich einerseits das Talent, zu überzeugen und dabei aufs Überreden zu verzichten, andererseits die Gabe, authentisch zu bleiben und sich nicht in irgendeine rhetorische Euphorie zu flüchten. Zum ausgewogenen Kommunizieren gehört, das Gegenüber nicht zu bedrängen, selber dagegen in gewissem Sinne «loszulassen».

Ganz zum Schluss nur noch dieses hier: Guter Rat ist sogar gratis! Wenn Sie «Das perfekte Gesuch» mit seinen vielen do’s und don’ts herunterladen und auch beherzigen, dann können Sie als Fundraiser, pardon als Spendenberater, eigentlich nichts falsch machen.

Fotografie: Anita Affentranger anlässlich der Ausstellung «Geld» im Stapferhaus

23 neue Crypto-Stiftungen von 330 Neugründungen im 2018

2018 hat die Stiftungslandschaft mit 330 Neugründungen nochmals starken Zuwachs erhalten. Interessant ist dabei die Entwicklung bei den Crypto-Stiftungen. Schweizweit zählen dazu 23 Stiftungen, wovon 16 im Kanton Zug domiziliert sind.

Ausführungen zu dieser Entwicklung im Beitrag «Krypto-Stiftungen: Die Festungswälle bröckeln» von Katharina Bart auf finews.ch.

Wer hat, dem wird gegeben?!

Wie kommt es, dass eine renommierte, seit 40 Jahren bestehende Stiftung seit ihrer Gründung einfach nicht zu Geld kommt und auch professionell umgesetztes Public Fundraising keinen Ertrag bringt? Fehlt es an Betroffenheit? Im Fall dieser Stiftung überhaupt nicht: In der aktuellen repräsentativen Umfrage in der Schweiz sagt jede fünfte Person, dass sie in den letzten 12 Monaten betroffen war und selbst gelitten hat. Und neun von zehn Befragten bemerken, dass sie betroffene Personen im nahen Umfeld kennen.

Haben Sie das Thema erkannt?

Ja, es geht um psychische Erkrankungen. Psychische Störungen betreffen viele und verursachen hohe Kosten, nicht nur in der Krankenversicherung sondern auch in der Wirtschaft. Und ja, man könnte etwas tun. Viele psychische Erkrankungen sind behandelbar. Betroffene Menschen können wieder gesund werden, wenn sie Zeit und Sicherheit bekommen, ihren Genesungsweg zu suchen und selbst zu gehen. Und wenn früher geholfen würde, wäre die Behandlung oft kürzer und einfacher.

In den Medien und in Fachkreisen hat das Thema Konjunktur. Viele sehen, dass die Schweiz ein Problem mit der psychischen Gesundheit hat. Die Meisten finden, «man» sollte etwas tun. Nun, da gibt es eine bewährte Stiftung, die sich seit 40 Jahren des Themas annimmt, die betroffenen Menschen und ihre Angehörigen ins Zentrum stellt und sich für ihre Rechte einsetzt. Eine Stiftung, die viele Ideen hat und eine Menge davon schon in die Praxis umgesetzt hat. Eine Stiftung, die gut ins Ausland vernetzt ist und Projekte kennt, die im Anderswo wirken. Und hierzulande Pilotprojekte lancieren möchte. Eine Stiftung, die nach neuen Wegen sucht, weil sie nicht glaubt, dass „mehr vom Selben“ als Lösung für die Zukunft taugt.

Aber, kein Geld. Das beste Testmailing zur Spendergewinnung hat gerade mal 50% der Portokosten gedeckt. Fazit der Profis: Es ist zu früh, man kennt euch zu wenig gut und das Thema ist immer noch stark tabuisiert.

Also, institutionelles Fundraising! Eine Analyse der Themen von Förderstiftungen bringt nur wenige Treffer für psychische Gesundheit, aber viele für Gesundheit allgemein. Bei Neugründungen von Stiftungen stehen die Themen Alzheimer und Krebs zuoberst auf der Liste. Unsere Themen kommen fast nie vor. Offenbar orientieren sich viele daran, was die andern tun und tun dann eben auch mehr vom Selben. Und so kommt es, dass einzelne Organisationen im Geld schwimmen und gewisse Themen überfinanziert sind und es neue und zudem tabuisierte Themen schwer haben und chronisch unterfinanziert sind, obwohl gerade am Anfang eines Konjunkturzyklus neues Geld mehr Effekt produzieren würde als später.

Seit neun Monaten arbeiten wir gemeinsam und finanziert mit der Beisheim Stiftung an einem Präventions- und Früherkennungsprogramm und im Dezember 2018 hat uns die Swiss Re Foundation als «Charity of the Year» gewählt und damit ein Zeichen für Engagement für psychische Gesundheit gesetzt! Es gibt sie also, die pionierhaften Unternehmen, die den Mut haben, unpopulären Ideen zum Durchbruch zu verhelfen, dem hoffentlich andere folgen werden. Denn eines muss allen klar sein: Keine Gesundheit ohne psychische Gesundheit!

Workshop – Einführung ins Fundraising | 16. Mai 2019

Fundraising Workshop mit Peter Buss, NonproCons

Der Workshop vermittelt solides Grundlagenwissen über das moderne Fundraising und gibt eine übersichtliche Einführung in das praktische Vorgehen beim systematischen Spendensammeln.

Inhalt:

1.

  • Was ist Fundraising? (Der Fundraising-Austauschprozess
  • Der Spender: Seine Merkmale und sein Verhalten
  • Der Spendenmarkt mit seinen Teilmärkten und Vorschriften
  • Die Spendenbeschaffung: 4 zentrale Elemente
  • Die wichtigsten Fundraising-Instrumente und wie man sie einsetzt
  • Die Sieben Goldenen Regeln des Fundraisings / Make your Case!)

2.

  • Wie gehe ich das Fundraising praktisch an? ( Die „8A“ des Fundraising-Mix – Hilfsmittel für die Praxis / Die erforderlichen Ressourcen und möglichen Erträge
  • Der Fundraising-Aktionsplan)

3.

  • Wohin geht das Fundraising in der Zukunft? (Die zentralen Fundraising-Trends
  • Do’s und Dont’s im Fundraising).

Ziel:

Einführung in die Welt des Fundraisings. Überblick über das, was ein systematisches Fundraising kann und nicht kann, was es kostet und einbringt und wie man das Fundraising für das eigene Projekt konkret angehen kann. Methodik: Wissensinput mit Diskussion; selbständige praktische Arbeit am eigenen Projekt; Gespräche in 2er- und 3er Gruppen

Informationen zum Workshop und Anmeldung

 

Workshop – Mission Investing | 4. Juni 2019

NPO-Finanzmanagement Workshop

Nullzinsen gepaart mit der Scheu vor mehr Aktien gefährden die Budgets von Förderstiftungen genauso wie jene operativ tätiger Organisationen, die auf Vermögenserträge angewiesen sind.

Wie kann deshalb mit einem aktiven „Mission Investing“ schon auf der Seite der Vermögensanlage der Zweck der Stiftung oder des Vereins erfolgreich gefördert werden?

Inhalt:

  • Was ist „Mission Investing“?
  • Wie lässt es sich in die Anlagestrategie integrieren?
  • Müssen lang bewährte Prinzipien über Bord geworfen werden?
  • Welche organisatorischen Anpassungen sind notwendig, wenn sogar in „Social Businesses“ investiert werden soll?

Ziel:

Sie wissen, welche Voraussetzung Sie schaffen müssen, damit Mission Investing erfolgreich betrieben werden kann und welches Potential zur Erreichung Ihres Stiftungszwecks in „Social Businesses“ steckt. Methodik: Wissensinput mit Diskussion

Informationen zum Workshop und Anmeldung

Kulturförderung zwischen Infarkt und Markt

Den Hashtag #keeparcopen haben Sie wohl nicht zu Gesicht bekommen. «Keep Arc open» war im vergangenen November der Appell von Kulturschaffenden an den Migros-Kulturprozent, dessen artist residency namens Arc in Romainmôtier Ende 2018 nicht zu schliessen. Die Migros war dabei «ertappt» worden, wie sie die Schliessung dieser fast fünfundzwanzigjährigen Künstlerresidenz im ehemaligen Benediktinerkloster im Waadtland nichtkommunizierte. Mittlerweile ist die Arc geschlossen. Und die unterschriftensammelnden und twitternden Kulturschaffenden sind um eine Déjà-vu-Erfahrung reicher – wie viele ihrer Branchenkollegen zuvor: Die Kulturförderer sitzen tatsächlich am längeren Hebel.

Der Kulturinfarkt
Die komplexe Gemengelage von Förderern und Geförderten war auch ein Hauptthema des Buches «Der Kulturinfarkt», das ich aus gerade genanntem Anlass letzthin einer Re-Lektüre unterzogen habe. Diese 2012 nach ihrem Erscheinen harsch kritisierte Streitschrift gab auf relevante Fragen (Wieso von allem zu viel und überall das Gleiche?) wenig hilfreiche Rezepte (Totalumbau der Kultur- und Förderstrukturen). Dieses Pamphlet aber kritisierte richtigerweise die weitverbreitete Marktferne der Kulturschaffenden und daraus folgend deren sehr weitgehende Abhängigkeit von Förderern jeglicher Art – des Staates, der Stiftungen, der Mäzene, der Sponsoren.

Nur weil in den letzten sieben Jahren kein Kulturinfarkt eingetreten ist (übrigens: Wie würden dessen Symptome eigentlich lauten?) ist die Situation für die Kulturproduzenten heute nicht besser als 2012. Immer mehr Kulturschaffende (die Kunsthochschulen sind ja zum «Produktivitätswachstum» verurteilt) müssen sich immer weniger Kulturkonsumenten teilen (da sich die Konsumvorlieben in andere Räume, z.B. in digitale Sphären, verlagern). Das spüren insbesondere die Theaterhäuser, welche begonnen haben, zwecks Erhöhung der Auslastungsquoten ihre Sitzreihen zu verringern (Basel hats vorgemacht; das Schauspielhaus in Zürich will nachziehen).

Fördern im Wandel
Dass die grosse Abhängigkeit der Kulturschaffenden von den Förderstrukturen fatal sein kann, dafür ist die Aufhebung der Arc durch den Migros-Kulturprozent ein Indiz. Das Fokussieren und das Betonen eigener Projektinitiativen, das die Migros der Aufgabe der Arc argumentativ hinterherschob, ist beim Fördern im Trend. Auch die Kantone entziehen sich solchen Entwicklungen nicht. Es sei das Beispiel des Kantons Basel-Stadt genannt, der seine Musikförderung vom reinen Subventionieren in ein Modell mit Ausschreibung und Mehrjahresverträgen umgewandelt hat, bei dem die Öffentliche Hand quasi die Rolle einer Pseudo-Intendanz übernimmt. Und eben zu Jahresbeginn hat sich Philanthropie-Professor Georg von Schnurbein in einem Interview in einer Richtung geäussert, die aufhorchen lässt: Grössere Förderstiftungen würden eine immer aktivere Rolle spielen, und in den letzten Jahren hätte man einen steten, wenn auch langsamen Wechsel von Kultur zu Sozial- und Umweltthemen beobachtet.

Da stellt sich gleich die Frage: Werden die Zeiten für Kulturschaffende, die auf Stiftungs-Fundraising angewiesen sind, künftig noch härter? Finanzkrise und Niedrigzinsumfeld zwingen die Förderstiftungen ja schon seit einem Jahrzehnt zum Sparen. Und die verstärkt an die Stiftungen gerichteten Erwartungen eines sichtbaren und transparenten Förderns animiert zu Schwerpunktbildung und Programmation – somit zu einer Gegenposition zur vielzitierten Fördergiesskanne. Bei ihren Prioritätensetzungen achten die Stiftungen (fördernd aber nicht zwingend mäzenatisch agierend) auf die gesellschaftliche und kulturpolitische Relevanz der von ihnen unterstützten Projekte. Man muss ja nicht gleich den Begriff «Marktgängigkeit» in den Mund nehmen, wenn man von einem Kulturförderprojekt erwartet, dass es Sitzplatz- oder Buchverkäufe anvisiert, Downloads generiert oder mindestens zu Clicks animiert (und von alle diesen gerne viele!). Ich schreibe dies weil ich bisweilen den Eindruck kriege, dass gesuchstellenden Kulturschaffenden die «performance» manchmal wichtiger als die «audience» ist, will heissen dass das Faktum des Aufführens zentraler zu sein scheint als das Publikum, das ihnen zuhören und zuschauen soll.

Kultur heisst Pflege, Beziehungspflege
Die lateinische «cultura » heisst « Bearbeitung / Pflege ». Wenn damit ursprünglich vor allem der Ackerbau gemeint war, erwarte ich von der «Kultur» heute natürlich nicht eine manierliche Dreifelderwirtschaft, sondern durchaus unbändige Wüchsigkeit. Die dafür notwendige Energie beziehen die Kulturschaffenden aus ihrer Inspiration. Den Dünger steuern die Förderer bei. Weil sich reibt, was sich liebt, noch dieses hier: Geförderte wie Förderer stecken in einer Zweckgemeinschaft. Oft werden (wahlweise) die Anspruchshaltung, die Undankbarkeit, ja die Unflätigkeit des jeweils anderen als eine Zumutung empfunden. Förderpartnerschaften sind eben – wenn sie geschlossen und irgendwann mal wieder gebrochen werden – auch Tauschbörsen der Ideen, der Werte und der Temperamente. Infarkt hin, Markt her.

Foto: Benno Schubiger