Tragt Sorge zu unseren Domen, Münstern, Kathedralen

Wir Architekturhistoriker und Heimatschützer betonen immer wieder den hohen Stellenwert der historischen Baudenkmäler für unsere Identität und unser Selbstverständnis. Die Reaktionen der überwältigten Augenzeugen des Brandes von Notre-Dame in Paris – in filmischen Reportagen live in die ganze Welt übertragen – haben bewiesen: Ein so bedeutendes Kulturerbe wie die Kathedrale der französischen Hauptstadt gehört tatsächlich zum allgemeinen Kulturerbe einer weltumspannenden Gesellschaft – in deren ganzen Heterogenität.

In Paris eine Brandkatastrophe

Zwar stellte Valentin Groebner in der FAZ echte Trauer um Notre-Dame in Abrede: Dies sei «Lust an der starken Wirkung der Bilder und Lust an der eigenen Wehmut vor Publikum». Ich zweifle daran, dass es eine kollektive Körperbeherrschung oder gar ein massenpsychotisches Phänomen bei den zufällig anwesenden Passanten oder bei den Betrachtern am Bildschirm waren, die Schrecken, Trauer, Lähmung hervorriefen. Für viele war der Kirchenbrand vom 15. April ein so eindrücklicher Moment, dass man es zur Ereigniskategorie mit der zugehörigen Erinnerungsfrage «Wo war ich als ich davon erfuhr?» zählen kann. Der Kennedy-Mord 1963 und 9/11 2001 gehören zu dieser Kategorie, deren Erinnerung uns vor unserem geistigen Auge sofort an jenen Ort zurückkatapultiert, wo wir erstmals von diesen Tragödien hörten. Nie werde ich auch vergessen, dass ich abends am Küchentisch sass, als ich vom Notre-Dame-Brand hörte, wie ich ebenfalls am Küchentisch sass, als ich am frühen Morgen des 18. August 1993 vom Brand der Luzerner Kapellbrücke hörte.

Spenden: ein Ärgernis?

Notre-Dame materialisiert Geist und Zeit in Stein und sublimiert diese in Schönheit. Die vielschichtige Bedeutung dieses Bauwerks spiegelt sich in der sensationellen – und vielkritisierten – Höhe der spontanen Spenden für dessen Wiederaufbau. Lapidar (und korrekt) kontert die NZZ am Sonntag: «Die Kritik verkennt den Kern des Spendens: die Freiwilligkeit». Sachkundig analysierte NZZ Online am 28. April. Ich denke: Wer freiwilligem Spenden Eigennutz unterstellt, der müsste bei der Deckelung/Limitierung der steuerlichen Abzugsfähigkeit von Zuwendungen und Sponsoringbeiträgen ansetzen. (Ob das unter dem Strich eine lohnende Idee wäre, das wage ich zu bezweifeln.)

In Basel ein Jubiläum

Bei uns in Basel stimmte die Meldung des Brandes in Paris besonders nachdenklich. Denn tags zuvor, am Palmsonntag, wurde das Jubiläumsjahr «1000 Jahre Basler Münster» einläutet – vormittags mit einem ökumenischen Gottesdienst im Beisein des Bischofs von Basel, abends mit einem Konzert unter Beteiligung des Choeur Grégorien de Paris, der exakt 24 Stunden nach dem Basler Konzert vom Brand der Notre-Dame erfahren musste. Zudem ist man sich am Rheinknie auch heute in weiten Kreisen bewusst, dass das Münster, bis zur Reformation die Kathedrale des Bistums von Basel, 1356 durch das Basler Erdbeben teilzerstört worden war.

Spenden für ein Kulturprogramm

Im Milleniumsjahr, welches der Weihe des Basler Münsters im Beisein des Kaisers Heinrich II. am 19. Oktober 1019 gedenkt, ist der spätromanische Bau mit den gotischen Zutaten identitätsstiftend besonders präsent: nicht nur im Stadtbild, sondern auch im Leben der Stadt. Entgegen einer älteren Ankündigung sind Teile des Münsterchores doch eingerüstet. Zahlreiche kirchliche und vor allem kulturelle Institutionen haben sich zusammengetan, um in einem reichhaltigen Programm vom Frühjahr bis in den Herbst hinein die vielschichtige Rolle dieser Hauptkirche in der Geschichte der Stadt und ihrer Gesellschaften erlebbar zu machen, in Gottesdiensten, Konzerten, Ausstellungen, Publikationen etc. Etliche gemeinnützige Förderstiftungen und auch eine Mäzenin beteiligen sich finanziell grosszügig an diesen Aktivitäten, nebst Evangelisch-reformierter Kirchgemeinde und dem kantonalen Lotteriefonds. Einen besonders nachhaltenden Beitrag ans Jubiläumsjahr bildet die Herausgabe der ersten umfassenden Buchmonographie über das Basler Münster durch die Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte GSK. Am 19. Oktober 2019 erlebt dieses Werk eines Autorenkollektivs von Historikern, Kunsthistorikerinnen und Archäologen seine Buchtaufe.
Über das Jubiläumsjahr hinaus Bestand hat natürlich die Stiftung Basler Münsterbauhütte, die seit ihrer Gründung 1986 für den Unterhalt des Münsters sorgt. Sie wird durch den Verein Freunde der Basler Münsterbauhütte finanziell und ideell unterstützt. Diese Freunde bilden ein wichtiges Bindeglied mit der städtischen Gesellschaft und verkörpern ihr jeweils persönliches Sorgetragen für ihr Münster

Kultur ist umspannend

Mit der Europäischen Vereinigung der Dombaumeister ist das Basler Münster (wie übrigens auch die Kathedrale von Freiburg und das Berner Münster) in ein weitgespanntes Netzwerk eingewoben. Wenige Tage nach dem Brand in Paris bekundete die Dombaumeistervereinigung seine Solidarität mit Notre-Dame durch ein konzertiertes Glockenläuten durch ihre Dome, Münster und Kathedralen. Dem jubilierenden Basler Münster erweisen die Europäischen Dombaumeister ihre Referenz dann im Oktober mit der Durchführung ihrer Jahreskonferenz in Basel.

Den informellen Abschluss findet das Basler Milleniumsjahr übrigens erst im April 2020, mit der Aufführung von Gustav Mahlers 2. Sinfonie (der sog. «Auferstehungssinfonie») im Basler Münster. Schon 1903 war sie dort erklungen, unter dem Dirigat ihres Komponisten sogar. Im Schlusssatz wird der Chor – vielleicht auch für Notre-Dame – die Verse von Friedrich Gottlieb Klopstock singen: «Aufersteh’n, ja aufersteh’n wirst du».


Foto: ©LeonidAndronov – Can Stock Photo Inc.

Die Schweiz – ein Kosmos der Privatmuseen

Das jüngste Museum in der Schweiz, dem Land mit der weltweit höchsten Museumsdichte, ist seit Anfang Jahr für das Publikum geöffnet: Das Muzeum Susch im Unterengadin verdankt seine Existenz (und seine Schreibweise) der polnischen Unternehmerin und Mäzenin Grazyna Kulczyk. In einem Gebäude, das früher als Kloster und dann als Brauerei diente, und im herausgesprengten Felsen nebenan schuf sie eindrückliche Räume für ihre Sammlung. Diese legt den Fokus auf konzeptuelle und feministische Kunst sowie auf das Kunstschaffen aus Ost- und Mitteleuropa. Diese Kreation ist Bestätigung dafür, dass das Engadin auch als Standort interessanter Museen sowie bedeutender Privatsammlungen und Kunstgalerien eine wichtige Kulturlandschaft darstellt.

Rahmenbedingungen mit Anziehungskraft

Die Gründung dieses Privatmuseums in Susch ist zudem ein Beweis für die Attraktivität der Schweiz für private Kulturinitiativen, insbesondere im Bereich der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts. Unter uns gesagt: Selbstverständlich hängt die Standortattraktivität unseres Landes auch mit der steuerlichen Abzugsfähigkeit von Einlagen von Kunstwerken (und anderen Sachwerten) in Stiftungen seit der letzten Stiftungsrechtsrevision von 2006 zusammen. Fakt ist, dass Kunstwerke von Milliardenwert dauerhaft und nie mehr herauslösbar im Eigentum von Stiftungen privatrechtlicher oder öffentlich-rechtlich organisierter Museen lagern. Freilich gilt es zu beachten, dass nicht gar alle Sammlungen, die mit dem Etikett «Stiftung» verbunden sind, tatsächlich im Eigentum einer Stiftung sind. In vereinzelten Fällen ist bloss der Museumsbetrieb in eine Stiftung ausgelagert, und die Kunstwerke sind im Eigentum des Sammlers oder der Sammlerin verblieben.

Kunstsammlungen in Privatmuseen – meistens fokussiert auf bestimmte Epochen oder Gattungen – sind starke Zeugnisse für die Vorlieben einzelner Philanthropen und natürlich Ausdruck von individueller Grosszügigkeit. Sie sind zudem Spiegel eines Wertegefüges bestimmter Gesellschaftskreise, wie übrigens des Sozialprestiges, welches Bildende Kunst auch heutzutage bringen kann. Derartige Haltungen scheinen auch der Fondazione Culturale Hermann Geiger der GABA-Miterbin und Philanthropin Sibylle Piermattei Geiger eigen zu sein. In Basel möchte sie gemäss neuester Medienberichte ein Nischenmuseum einrichten – vorläufig noch ohne konkretisierte Ausstellungsthemen, sondern einzig mit dem Anspruch, mittels Gratiseintritt einen niederschwelligen Zugang zu künstlerischen Inhalten zu ermöglichen. Man kann gespannt sein.

Allein in den letzten 25 Jahren, seit 1994, wurden gemäss der brandneuen Auflage des Schweizer Museumsführers etwa 50 Museen oder museumsähnliche Strukturen in der Sparte der Bildenden Kunst privat gegründet, nämlich von Einzelpersonen, von privatrechtlichen Stiftungen oder von Firmen. Nicht ganz allen Privatmuseen ist ein dauerhafter Erfolg beschieden. Im letzten Vierteljahrhundert sind nämlich auch vereinzelte Museen wieder eingegangen, wegen unzureichender Mittelausstattung oder mangels Besucherzuspruchs. Eines davon ist die Stiftung für Eisenplastik Sammlung Dr. Hans Koenig in Zollikon des gleichnamigen Eisenhändlers, die 2011 aufgegeben wurde. Ein anderes ist die Villa Flora in Winterthur, die zwischen 1995 und 2014 als privates Museum für die Sammlung Hahnloser mit schweizerischer und französischer Malerei vor und nach 1900 geführt wurde. 2022 soll sie im Netzwerk des eben neu formierten Kunst Museum Winterthur wiedereröffnet werden. Die Privatmuseumsszene ist sowieso in kontinuierlicher Bewegung, was manchmal auch ein Zeichen dafür ist, dass optimistische Szenarien bei einer Museumsgründung den Praxistest nicht immer bestehen. Und dass neue Rezeptionsgewohnheiten des Kunstpublikums nach neuen Strukturen rufen.

Planeten – Trabanten

Ernst Beyeler hatte Anfang der 1990er Jahre ein «Trabanten-Modell» studiert, eine Präsentation seiner bedeutenden Sammlung von Kunst der Klassischen Moderne in räumlicher unmittelbarer Nähe des Kunstmuseums Basel. Sein Museum sollte aber nicht bloss ein «Mond» sein. Er entschied sich deshalb gegen einen «Beyeler-Wing» und für ein eigenständiges Museum – in Riehen, einem Vorort von Basel. Dort wurde das ikonische Museumsgebäude von Renzo Piano von 1997 ein Mitauslöser des anhaltenden Erfolgs der Fondation Beyeler, die das meistbesuchte Kunstmuseum der Schweiz geworden ist. Und es spricht für die Qualität der Führungsstrukturen in der Nachfolge des verstorbenen Museumsgründers, dass das bestehende Museum mit einem Ergänzungsbau von Peter Zumthor auf einem Nachbargrundstück nun selbst einen markanten Ergänzungsbau als Trabanten erhalten wird.

Auf einen etwas anderen Weg verschlug es das Zentrum Paul Klee in Bern von 2005, das ausser dem Entwerfer seines Museumsbaus mit der Fondation Beyeler wenige Gemeinsamkeiten hat. Kopfgeburt eines dominant auftretenden, branchenfremden Mäzens, des Chirurgen und Orthopäden Maurice E. Müller, erfüllt das ZPK die anspruchsvolle Aufgabe als monographisches Künstlermuseum. 2016 wurde es über eine Dachstiftung mit dem Kunstmuseum Bern verbunden. Weitere private Künstlermuseen versuchen, ihrem anspruchsvollen Profil als Einthemenmuseum etwas zu entfliehen, indem sie ihren eigenen Künstler in Dialog mit anderen setzen. Kein anderes Haus tut es so inspiriert wie das Museum Tinguely (1997) – mit den Millionen seiner Gründerin F. Hoffmann-La Roche AG im Rücken.

zentrifugal – peripetal / synergetisch

Es kommt mir vor, als ob im Sonnensystem unserer Museen folgende Gravitationsverhältnisse herrschen: Staatliche Museen oder durch öffentlich-rechtliche Konstrukte finanzierte Museen sind Planeten, die Privatmuseen sind Monde oder dann Meteoriten, die von den Planeten einverleibt werden. Ich bin mir bewusst, dass dieses Bild die Komplexität unserer Museumslandschaft nicht genügend differenziert spiegelt – insbesondere nach dem Studium von Claudio Beccarellis Grundlagenwerk über die «Finanzierung von Museen» (2005). Aber es ist schon: Bisweilen suchen privat initiierte Museen die frequenzsteigernde Nähe von öffentlichen Museen. Gut zu beobachten ist das am Quai von Lugano, wo sich in unmittelbarer Nähe des Museo d’arte della Svizzera italiana MASI im neuen LAC die Collezione Giancarlo e Danna Olgiati (2012) und die Fondazione Gabriele e Anna Braglia (2014) mit ihren jeweiligen Ausstellungsräumen festgesetzt haben.

In einigen Fällen ist der Überlebenskampf als unabhängiges Privatmuseum so hart oder die Gravität eines Grossmuseums so anziehend, dass sich sogar gestandene Privatmuseen wie die Sammlung Imobersteg oder die Bührle-Sammlung entschieden haben, auf ihre räumliche Unabhängigkeit zu verzichten und sich quasi einverleiben lassen. Erstere hat 2004 ihren eher peripheren Standort in Oberhofen am Thunersee aufgegeben und ist ins Kunstmuseum Basel eingezogen. Die Stiftung Sammlung E. G. Bührle in Zürich verlässt ihre Historismus-Villa und wird nach sechzig Jahren 2020 ins dann eröffnende neue Kunsthaus von David Chipperfield umziehen.

Von Beginn weg eine differenzierte Lösung hat die Hilti Art Foundation im liechtensteinischen Vaduz (2015) gewählt: Sie hat unmittelbar neben das Kunstmuseum Liechtenstein, von dem her es unterirdisch zugänglich ist, einen freistehenden Museumskubus hingestellt (wie das bestehende Haupthaus ebenfalls von Meinrad Morger entworfen).

Wenn für Privatmuseen die Finanzmittel und das Besucheraufkommen nicht ausreichend verfügbar sind, dann bieten sich solche eben geschilderte Kooperationen an. Wichtig ist dabei, dass bei derartigen Shop-in-shop-Modellen resp. Rucksack-Lösungen das jeweilige Privatmuseum auch als Juniorpartner ein fein austariertes Profil und eine erkennbare Identität entwickeln kann. Schliesslich sollen sich nicht nur Synergien ergeben, sondern echte Win-Win-Situationen.

Lonely Planets

Ein rechter Teil der Privatmuseen lebt (oder überlebt) fernab von nennenswerten Gravitationsfeldern und grösseren Besucherströmen: in der Kulturprovinz, wo sie wertvolle Kunstvermittlung betreiben. Oft darben sie dort aber wegen zu geringer Mittelausstattung, und sie spüren über sich das Damoklesschwert möglicher Kürzungen oder Streichungen öffentlicher Subventionen. Denn in den meisten Fällen ist der Betrieb eines mit privaten Sammlungen resp. Geldmitteln aufgebauten Museums ohne die Beiträge der Kommunen, der Kantone und in vereinzelten Fällen des Bundes gar nicht möglich. Dem feinen Kunst(zeug)haus in Rapperswil, einer Gründung des Wirtschaftsanwalts und Kunstsammlers Peter Bosshard von 2008, hätte das St. Galler Kantonsparlament vor etwa zwei Jahren beinahe den finanziellen Stecker gezogen. In sichereren Händen ist das Kunstmuseum Appenzell von 1998 mit seiner Sammlung, ebenso sein Trabant Kunsthalle Ziegelhütte von 2003: Sie stehen unter der fachlichen und finanziellen Obhut der Heinrich Gebert Kulturstiftung Appenzell.

«Hybride»

Werfen wir noch einen kurzen Blick auf die Schnittmengen von Sammlungen und Museen: auf die Hybride. Dass Lösungen, die wir als «Hybride» bezeichnen, sogar Museumsprobleme beheben können, demonstriert das Beispiel der Stiftung von Werner Coninx aus der Tagesanzeiger-Herausgeberfamilie, welche ihren Museumsbetrieb nicht nachhaltig finanzieren konnte. Nach einem kompletten Strategiewechsel im Jahr 2016 fungiert die Stiftung nun hauptsächlich als Dauerleihgeberin der riesigen Sammlung von Kunst an diverse Schweizer Kunstmuseen, was sich als Lösung zu bewähren scheint.

In solchen «paramuseale Strukturen» arbeiten weitere bedeutende private Kunstsammlungen. Das von der Philanthropin und Roche-Erbin Maja Oeri 2003 für die Kunstbestände der Emanuel Hoffmann Stiftung kreierte Schaulager® in Münchenstein bei Basel ist den längeren Teil des Jahres Depot und Studiensammlung und nur während der Sommermonate öffentlich zugängliches Museum. Offensichtlich ist diese Institution nicht auf eine Maximierung ihrer Besucherzahlen aus.

Museumsähnlich eingerichtet – aber ganz ohne Kassahäuschen – ist die Sammlung der Unternehmerin Esther Grether in der Basler Altstadt, wo sie quasi als «Pool» für den internationalen Kunstausstellungsbetrieb (2000) dient. Von daher kommt es, dass man in Sonderausstellungen auf den Legendenetiketten die «Esther Grether Family Collection» als Leihgeberin lesen kann.

Am industriell geprägten Stadtrand von Basel arbeiten der Künstler und Sammler Urs Raussmüller mit seiner Frau Christel und einem kleinen Team in den Rausmüller Hallen (2014) mit ihrer nicht öffentlich zugänglichen Sammlung mit Kunst aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, mit der sie unter anderem Sonderausstellungen mit ihren Leihgaben beschicken.

Gespannt kann man sein wie sich die Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte SKKG des Winterthurer Immobilieninvestors Bruno Stefanini entwickelt. Vor wenigen Monaten haben Bundesgerichtsentscheide endlich Klarheit in die Leitungsstrukturen der Stiftung geschaffen, und nach dem kürzlich erfolgten Tod des Stifters dürfte das Stiftungsvermögen nochmals kräftig anwachsen. Diese beiden Entwicklungen wecken hohe Erwartungen an die begonnene Professionalisierung bei der Pflege dieser wichtigen Kunstsammlung. als begründet erscheinen. Die Stiftung selber verfügt über einen Immobilienbestand, der hoffen lässt, dass die bedeutendsten Teile ihrer Sammlung dereinst auch öffentlich zugänglich gemacht werden. Vorderhand geschieht das noch über Dauerleihgaben an Museen und Ausleihen an Sonderausstellungen. Angesichts ihrer beträchtlichen Kunstbestände und Mittelausstattung hat die Sammlung der SKKG das Potential eines «Jupiters» innerhalb des Planetensystems der Schweizer Privatmuseen.

Foto: «Bauten des Muzeum Susch» von Benno Schubiger

99 Neugründungen im 4. Quartal 2018

Die Stiftungslandschaft ist im 4. Quartal 2018 um 99 Stiftungen gewachsen. Dabei sind es mit 40 vorwiegend fördernde nach den operativen mit 33 und gemischten mit 26 Neuzugängen. Erfasst wurden dabei die sog. klassischen gemeinnützigen Stiftungen, nicht jedoch z.B. die Wohlfahrtsstiftungen und Firmenstiftungen.

Am meisten Stiftungen gab es diesmal im Bereich Bildung, gefolgt von Kunst/Kultur/Freizeit und Politik/Wirtschaft/Gesellschaft. Der Bereich Soziales, welcher im 3. Quartal die Nase vorn hatte, ist auf den 4. Rang zurück gefallen.

Es gilt zu beachten, dass die meisten neu gegründeten Stiftungen in der Regel mehrere Monate Zeit brauchen, um ihre Arbeit aufnehmen zu können, unabhängig davon, ob sie nun operativ oder fördernd tätig sind. Und im Verlauf der Zeit, nach ersten Erfahrungen, ändern dann auch manche ihre Wirkungsform (reine Förderstiftungen mutieren zB zu gemischt tätigen Stiftungen) oder legen die Schwerpunkte ihrer Tätigkeit neu. Die Stiftungslandschaft ist somit dauernd in Bewegung.

 

Neugründungen Schweizer Stiftungen im 4. Quartal 2018

Philanthropie und Denkmalpflege – aktueller denn je!

Bald ist die Hälfte des Europäischen Kulturerbejahres 2018 mit dem Motto «Schau hin!» vorüber. Für mich persönlich, der sich seit dem Kunstgeschichte-Studium beruflich und ehrenamtlich intensiv mit Kulturerbe, Denkmalpflege und Heimatschutz beschäftigt, haben Baukultur und unsere gebaute Umwelt einen hohen Stellenwert. Das bauliche Patrimonium hat für mich auch eine emotionale Bedeutung. Und so ist es nicht verwunderlich, dass die oben abgebildete Fensterüberschrift an einer «alpage» im Waadtländer Jura auf 1500 m, die ich auf unserer Wandertransversale vom Rhein zur Rhone entdeckte, mich auch heute noch fasziniert. Ein Alpsenn hatte sie in den 1970er Jahren dort angebracht: «Restaurez les anciennes maisons plutôt que de construire du neuf! » – Kulturelle, künstlerische und architektonische Zeitzeugnisse zu bewahren und der Nachwelt zu tradieren, ist eine Errungenschaft des Humanismus und der Aufklärung. Und ich bin davon überzeugt, dass solche wertkonservativen Konzepte auch heute ihre Berechtigung, ja Notwendigkeit haben.

Denkmalpflege ist «philanthropisch»

Die Bewahrung unseres baukulturellen Erbes ist philanthropisch im engeren Sinne des Wortes. Repräsentative Umfragen in der Schweiz und anderswo zeigen, dass auch in unseren modernen Gesellschaften Themen wie Denkmäler und Ortsbilder hohe bis sehr hohe Sympathien geniessen. Der Umgang mit tradierter Baukultur schafft Identität und Lebensqualität. Dass solcher ästhetisch-ideeller Nutzen pekuniär derart genau zu kalkulieren wäre, dass er sogar besteuerbar wäre, würde ich allerdings in Abrede stellen. Doch in meiner früheren Fördertätigkeit war mir tatsächlich einmal ein Projekt mit dieser Absicht zur Gesuchvorprüfung unterbreitet worden: Bei Nachbarn von schönen Baudenkmälern sollten ein solche ästhetische Mehrwerte fiskalisch abgeschöpft werden. Auf solche Ideen muss man auch erst mal kommen!

Stiftungen fördern Denkmalpflege

Einige gemeinnützige Förderstiftungen haben die Unterstützung von denkmalpflegerischen Restaurierungsvorhaben in ihren Statuten oder Richtlinien. In der Datenbank StiftungSchweiz.ch erzielt die Sucheingabe «Denkmalpflege-Heimatschutz» gut 500 Treffer (je nach Filter gute 800). Das sind erfreulich viele, zumal wenn man bedenkt, dass vereinzelte Stiftungen sich sogar fokussiert ausschliesslich dieser Förderthematik widmen. Ich denke an die Stiftung Pro Arte Domus in Stans oder an die Fondazione Dr. Hans Dietler/Kottmann in Lugano, die ich präsidieren darf. Die Fördersparte «Denkmalpflege-Heimatschutz» stellt die Stiftungsverantwortlichen vor besondere Anforderungen – vor fachliche (das ist ja klar), aber auch vor psychologische: Beherzt für ein solches Förderthema einzustehen, das ohne englische Begriffe wie «venture» und «innovation» auskommt, erfordert heute beinahe Courage.

«Crowdfunding» am Postschalter

Nicht jede philanthropisch veranlagte Denkmalpflege-Liebhaberin steht an den Schalthebeln einer Förderstiftung. Und nicht allen Menschen ist es möglich, als Grossspender oder als Legatgeber die Fundraising-Abteilungen z.B. des Schweizer Heimatschutzes oder der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte zu erfreuen. Zum Glück gibt es in der Schweiz das uralte Konzept des «Crowdfunding» durch die Stiftung Pro Patria: Seit Mitte Juni liegen wieder an allen Poststellen die Bundesfeier-Abzeichen (und sowieso die Pro-Patria-Briefmarken) zum Verkauf auf. Deren Erlös kommt Denkmalpflegeprojekten zugute. Ähnliches lässt sich über den Schoggitaler sagen, den Schulkinder ab September in den Strassenverkauf bringen. Im Kulturerbejahr ist dessen Erlös für entsprechende Projekte bestimmt. Auf diese Weise kann man auch mit kleinem Portemonnaie philanthropisch unserem baukulturellen Erbe helfen, und eben den «anciennes maisons».

Einschlägige Websites sind: www.gsk.ch, www.heimatschutz.ch, www.propatria.ch, www.schoggitaler.ch

Kulturförderung durch Schweizer Stiftungen -Tipps

  • Kulturelle und sportliche Stiftungszwecke lassen sich relativ fein in überschaubare und präzise bearbeitbare Fundraisingsegmente gliedern.
  • Je nach kulturellem Unterzweck finden Stiftungen potenzielle Kooperationsparter eher in einer bestimmten Stadt oder in einer Region. Auch für Fundraiser dürfte sich eine regionale Vorbetrachtung des Stiftungsmarkts teilweise lohnen.
  • Das grosse Segment der vielen zweckgenerellen Stiftungen innerhalb des Zwecks Kunst, Kultur und Sport, dürfte aus Überlegungen vermeintlicher Effizienz weniger von Fundraisern kontaktiert werden, weswegen sich eine Gesuchstellung bei diesen Stiftungen gerade deshalb lohnen könnte.

Kulturförderung durch Schweizer Stiftungen

Kunst und Kultur werden traditionell stark durch private Stiftungen gefördert. Mehr als jede dritte Stiftung begünstigt Anliegen in diesem Wirkungsbereich. Rund die Hälfte davon fördert die Kunst und Kultur allgemein, während sich die restlichen Stiftungen präzise auf einzelne Zwecke innerhalb des vielfältigen Wirkungsbereichs festlegen.

Sei es die Förderung von sentimentaler Trivialliteratur oder des Genussrauchens – kulturelle Stiftungen begünstigen mannigfaltig. Dennoch bleiben sie thematisch oft sehr fokussiert, ohne weitere Wirkungsbereiche zu begünstigen (36% der Kulturstiftungen). Damit verbunden sind diese Stiftungen oft selber operativ tätig, verwalten und pflegen eigene Projekte oder organisieren eigene Veranstaltungen (ebenfalls 36%).

Segmentierung innerhalb der Kulturstiftungen

Wie die Abbildung illustriert, sind die meisten präziseren Zwecknennungen innerhalb des kulturell-freizeitlichen Wirkungsbereichs der Denkmalpflege und dem Heimatschutz zuzuordnen, wo über 870 Stiftungen, d. h. mindestens 18% der Kulturstiftungen aktiv sind. Rund 16% der Stiftungen beschäftigen sich explizit mit Anliegen, die etwas mit Literatur, Poesie, Bibliotheken oder Ähnlichem zu tun haben, 14% widmen sich der bildnerischen Kunst oder der Fotografie, ebenfalls 14% der Musik. Rund 450 Stiftungen fördern schliesslich den Sport, rund 500 Stiftungen fördern sonstige Freizeitaktivitäten wie z. B. die Pfadi, Parks, Spielplätze, touristische Angebote oder Lager. Seltener sind Stiftungen im Bereich Tanz, Theater und Performance (rund 220 Stiftungen), Film (rund 130 Stiftungen) und Architektur (rund 100 Stiftungen) aktiv.

Denkmalpflege auf dem Land, Kunst und Performance in der Stadt

Die Kultur- und Freizeitstiftungen sind häufiger als andere Stiftungen auf bestimmte Regionen oder Gemeinden fokussiert und begünstigen nur sehr selten im Ausland. Zudem sind sie in verschiedenen Schweizer Kantonen unterschiedlich stark vertreten.

Grundsätzlich nimmt die Kategorie des Denkmal- und Heimatschutzes in ländlichen Gebieten bedeutend höhere Anteile bei den Stiftungen ein als in den Städten. Allerdings sind Stiftungen, die kulturelle Anliegen zusammen mit Anliegen bezüglich Wissenschaft und Forschung und/oder gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Anliegen kombinieren, in den urbanen Gebieten besser vertreten – insbesondere in den städtischen Kantonen Basel-Stadt und Genf. Die Wirkungsbereiche Film, Tanz, Theater und Literatur sind im Kanton Genf sowie Waadt relativ populär. Neuenburger Stiftungen sind überdurchschnittlich oft spezialisiert auf bildnerische und gestaltende Kunst und Luzerner Stiftungen begünstigen überdurchschnittlich oft Projekte im Bereich Musik.

Wie die Abbildung zeigt, lassen sich Stiftungszwecke im Bereich der Kultur- und Freizeitförderung relativ fein segmentieren. Dies begünstigt einerseits das Stiftungsfundraising für Kulturprojekte, indem potentielle Gönnerkreise relativ klar und übersichtlich eingegrenzt werden können. Kulturstiftungen andererseits können so ähnliche Organisationen aufspüren, mit denen sich allenfalls Synergien finden lassen.

Der Röstigraben n’existe pas! Tipps

Was können Nonprofit-Organisationen tun, die versuchen wollen, den Röstigraben zu überbrücken, um letztlich ihren Wirkungsgrad in der Schweiz zu erhöhen?

Die gute Nachricht ist, dass die Sprachbarriere zumindest aus kultureller Sicht nicht so gross ist.

Die schlechte Nachricht lautet, dass es ein umfassenderes Verständnis der anderen Kultur braucht, um erfolgreich zusammenzuarbeiten können:

  • Projekte können nicht 1:1 kopiert werden; vielmehr braucht es lokale Partner oder Mitarbeitende, die fähig sind, sich in den lokalen Kontext hineinzudenken.
  • Berücksichtigen Sie andere Einkommensverhältnisse und demografischen Strukturen.
  • Informieren Sie sich gut über rechtliche Unterschiede.
  • Besuchen Sie ein paar Organisationen, die in diesem Gebiet florieren, und sprechen Sie mit diesen Experten über ihre jeweilige Strategie.

Der Röstigraben n’existe pas!

Zwischen den Kantonen gibt es grosse Unterschiede in der Höhe der Spendenabzüge, die in den Steuererklärungen geltend gemacht werden. Stadt- und deutschsprachige Kantone spenden mehr und leisten auch mehr Freiwilligenarbeit. Doch woher kommen diese Unterschiede? Eine Studie unseres Instituts zeigt, dass die Sprache keinen Einfluss auf das Spendenverhalten in der Schweiz hat. Für NPO bedeutet dies, mehr als nur eine zusätzliche Sprache beherrschen zu können, um den Röstigraben zu überbrücken.

Schweizerinnen und Schweizer spenden gerne, wie man immer wieder hört. Aber, wie im August 2017 in diversen Zeitungen zu lesen war, gibt es beträchtliche Unterschiede zwischen den Kantonen. Meistens werden in deutschsprachigen Kantonen mehr Spendenabzüge geltend gemacht als in den französischsprachigen Kantonen. Gemäss dem Freiwilligenmonitor wird in der Romandie auch weniger Freiwilligenarbeit geleistet. Der sogenannte „Röstigraben“ ist also auch für den Nonprofit Sektor relevant und es scheint, als würden sich viele Organisationen schwer tun, eine Brücke darüber zu bauen. Immer wieder scheitern Projekte auf einer Seite des Grabens, die auf der anderen Seite erfolgreich waren. Doch was ist es, das diese Unterschiede hervorbringt?

Die Blackbox „Kultur“

Eine Studie des Center for Philanthropy Studies hat sich mit dieser Frage beschäftigt und versucht den Faktor „Kultur“ isoliert zu betrachten. Dies lässt sich gut in einem zweisprachigen Kanton untersuchen, denn dort findet man auf beiden Seiten des Röstigrabens die gleichen rechtlichen, institutionellen, ökonomischen und oftmals sogar demografischen Rahmenbedingungen. Mit Daten der Steuerämter der Kantone Bern und Fribourg haben wir Gemeinden beidseits der Sprachgrenzen statistisch analysiert, um die Frage zu beantworten, ob verschiedene Kulturen für Unterschiede im Spendenverhalten verantwortlich sind. Als kulturellen Faktor haben wir uns dabei auf die Sprache konzentriert. Unsere Ergebnisse zeigen, dass es innerhalb eines Kantons keine Unterschiede zwischen der französisch- und deutschsprachigen Bevölkerung gibt. Sprache lässt sich somit als Erklärung für kantonale Unterschiede im Spendenverhalten ausschliessen. Vielmehr sind es wahrscheinlich andere Gepflogenheiten und die Einstellung gegenüber der öffentlichen Hand, die den Röstigraben wirklich ausmachen. Das Spendenverhalten der Westschweizer gleicht sich vielmehr demjenigen der Franzosen an, die eher der Auffassung sind, dass der Staat sich um Aufgaben zugunsten der Allgemeinheit kümmern sollte. Die Deutschschweizer ähneln mehr ihren deutschen Nachbarn, die glauben, dass es ein zivilgesellschaftliches Engagement braucht.

Den Röstigraben überbrücken

Was heisst das nun für Nonprofit-Organisationen, die versuchen wollen, den Röstigraben zu überbrücken, um letztlich ihren Wirkungsgrad in der Schweiz zu erhöhen? Dazu nachfolgend ein paar Tipps – und siehe da: Der Röstigraben n’existe plus!