Die Schweiz – ein Kosmos der Privatmuseen

Das jüngste Museum in der Schweiz, dem Land mit der weltweit höchsten Museumsdichte, ist seit Anfang Jahr für das Publikum geöffnet: Das Muzeum Susch im Unterengadin verdankt seine Existenz (und seine Schreibweise) der polnischen Unternehmerin und Mäzenin Grazyna Kulczyk. In einem Gebäude, das früher als Kloster und dann als Brauerei diente, und im herausgesprengten Felsen nebenan schuf sie eindrückliche Räume für ihre Sammlung. Diese legt den Fokus auf konzeptuelle und feministische Kunst sowie auf das Kunstschaffen aus Ost- und Mitteleuropa. Diese Kreation ist Bestätigung dafür, dass das Engadin auch als Standort interessanter Museen sowie bedeutender Privatsammlungen und Kunstgalerien eine wichtige Kulturlandschaft darstellt.

Rahmenbedingungen mit Anziehungskraft

Die Gründung dieses Privatmuseums in Susch ist zudem ein Beweis für die Attraktivität der Schweiz für private Kulturinitiativen, insbesondere im Bereich der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts. Unter uns gesagt: Selbstverständlich hängt die Standortattraktivität unseres Landes auch mit der steuerlichen Abzugsfähigkeit von Einlagen von Kunstwerken (und anderen Sachwerten) in Stiftungen seit der letzten Stiftungsrechtsrevision von 2006 zusammen. Fakt ist, dass Kunstwerke von Milliardenwert dauerhaft und nie mehr herauslösbar im Eigentum von Stiftungen privatrechtlicher oder öffentlich-rechtlich organisierter Museen lagern. Freilich gilt es zu beachten, dass nicht gar alle Sammlungen, die mit dem Etikett «Stiftung» verbunden sind, tatsächlich im Eigentum einer Stiftung sind. In vereinzelten Fällen ist bloss der Museumsbetrieb in eine Stiftung ausgelagert, und die Kunstwerke sind im Eigentum des Sammlers oder der Sammlerin verblieben.

Kunstsammlungen in Privatmuseen – meistens fokussiert auf bestimmte Epochen oder Gattungen – sind starke Zeugnisse für die Vorlieben einzelner Philanthropen und natürlich Ausdruck von individueller Grosszügigkeit. Sie sind zudem Spiegel eines Wertegefüges bestimmter Gesellschaftskreise, wie übrigens des Sozialprestiges, welches Bildende Kunst auch heutzutage bringen kann. Derartige Haltungen scheinen auch der Fondazione Culturale Hermann Geiger der GABA-Miterbin und Philanthropin Sibylle Piermattei Geiger eigen zu sein. In Basel möchte sie gemäss neuester Medienberichte ein Nischenmuseum einrichten – vorläufig noch ohne konkretisierte Ausstellungsthemen, sondern einzig mit dem Anspruch, mittels Gratiseintritt einen niederschwelligen Zugang zu künstlerischen Inhalten zu ermöglichen. Man kann gespannt sein.

Allein in den letzten 25 Jahren, seit 1994, wurden gemäss der brandneuen Auflage des Schweizer Museumsführers etwa 50 Museen oder museumsähnliche Strukturen in der Sparte der Bildenden Kunst privat gegründet, nämlich von Einzelpersonen, von privatrechtlichen Stiftungen oder von Firmen. Nicht ganz allen Privatmuseen ist ein dauerhafter Erfolg beschieden. Im letzten Vierteljahrhundert sind nämlich auch vereinzelte Museen wieder eingegangen, wegen unzureichender Mittelausstattung oder mangels Besucherzuspruchs. Eines davon ist die Stiftung für Eisenplastik Sammlung Dr. Hans Koenig in Zollikon des gleichnamigen Eisenhändlers, die 2011 aufgegeben wurde. Ein anderes ist die Villa Flora in Winterthur, die zwischen 1995 und 2014 als privates Museum für die Sammlung Hahnloser mit schweizerischer und französischer Malerei vor und nach 1900 geführt wurde. 2022 soll sie im Netzwerk des eben neu formierten Kunst Museum Winterthur wiedereröffnet werden. Die Privatmuseumsszene ist sowieso in kontinuierlicher Bewegung, was manchmal auch ein Zeichen dafür ist, dass optimistische Szenarien bei einer Museumsgründung den Praxistest nicht immer bestehen. Und dass neue Rezeptionsgewohnheiten des Kunstpublikums nach neuen Strukturen rufen.

Planeten – Trabanten

Ernst Beyeler hatte Anfang der 1990er Jahre ein «Trabanten-Modell» studiert, eine Präsentation seiner bedeutenden Sammlung von Kunst der Klassischen Moderne in räumlicher unmittelbarer Nähe des Kunstmuseums Basel. Sein Museum sollte aber nicht bloss ein «Mond» sein. Er entschied sich deshalb gegen einen «Beyeler-Wing» und für ein eigenständiges Museum – in Riehen, einem Vorort von Basel. Dort wurde das ikonische Museumsgebäude von Renzo Piano von 1997 ein Mitauslöser des anhaltenden Erfolgs der Fondation Beyeler, die das meistbesuchte Kunstmuseum der Schweiz geworden ist. Und es spricht für die Qualität der Führungsstrukturen in der Nachfolge des verstorbenen Museumsgründers, dass das bestehende Museum mit einem Ergänzungsbau von Peter Zumthor auf einem Nachbargrundstück nun selbst einen markanten Ergänzungsbau als Trabanten erhalten wird.

Auf einen etwas anderen Weg verschlug es das Zentrum Paul Klee in Bern von 2005, das ausser dem Entwerfer seines Museumsbaus mit der Fondation Beyeler wenige Gemeinsamkeiten hat. Kopfgeburt eines dominant auftretenden, branchenfremden Mäzens, des Chirurgen und Orthopäden Maurice E. Müller, erfüllt das ZPK die anspruchsvolle Aufgabe als monographisches Künstlermuseum. 2016 wurde es über eine Dachstiftung mit dem Kunstmuseum Bern verbunden. Weitere private Künstlermuseen versuchen, ihrem anspruchsvollen Profil als Einthemenmuseum etwas zu entfliehen, indem sie ihren eigenen Künstler in Dialog mit anderen setzen. Kein anderes Haus tut es so inspiriert wie das Museum Tinguely (1997) – mit den Millionen seiner Gründerin F. Hoffmann-La Roche AG im Rücken.

zentrifugal – peripetal / synergetisch

Es kommt mir vor, als ob im Sonnensystem unserer Museen folgende Gravitationsverhältnisse herrschen: Staatliche Museen oder durch öffentlich-rechtliche Konstrukte finanzierte Museen sind Planeten, die Privatmuseen sind Monde oder dann Meteoriten, die von den Planeten einverleibt werden. Ich bin mir bewusst, dass dieses Bild die Komplexität unserer Museumslandschaft nicht genügend differenziert spiegelt – insbesondere nach dem Studium von Claudio Beccarellis Grundlagenwerk über die «Finanzierung von Museen» (2005). Aber es ist schon: Bisweilen suchen privat initiierte Museen die frequenzsteigernde Nähe von öffentlichen Museen. Gut zu beobachten ist das am Quai von Lugano, wo sich in unmittelbarer Nähe des Museo d’arte della Svizzera italiana MASI im neuen LAC die Collezione Giancarlo e Danna Olgiati (2012) und die Fondazione Gabriele e Anna Braglia (2014) mit ihren jeweiligen Ausstellungsräumen festgesetzt haben.

In einigen Fällen ist der Überlebenskampf als unabhängiges Privatmuseum so hart oder die Gravität eines Grossmuseums so anziehend, dass sich sogar gestandene Privatmuseen wie die Sammlung Imobersteg oder die Bührle-Sammlung entschieden haben, auf ihre räumliche Unabhängigkeit zu verzichten und sich quasi einverleiben lassen. Erstere hat 2004 ihren eher peripheren Standort in Oberhofen am Thunersee aufgegeben und ist ins Kunstmuseum Basel eingezogen. Die Stiftung Sammlung E. G. Bührle in Zürich verlässt ihre Historismus-Villa und wird nach sechzig Jahren 2020 ins dann eröffnende neue Kunsthaus von David Chipperfield umziehen.

Von Beginn weg eine differenzierte Lösung hat die Hilti Art Foundation im liechtensteinischen Vaduz (2015) gewählt: Sie hat unmittelbar neben das Kunstmuseum Liechtenstein, von dem her es unterirdisch zugänglich ist, einen freistehenden Museumskubus hingestellt (wie das bestehende Haupthaus ebenfalls von Meinrad Morger entworfen).

Wenn für Privatmuseen die Finanzmittel und das Besucheraufkommen nicht ausreichend verfügbar sind, dann bieten sich solche eben geschilderte Kooperationen an. Wichtig ist dabei, dass bei derartigen Shop-in-shop-Modellen resp. Rucksack-Lösungen das jeweilige Privatmuseum auch als Juniorpartner ein fein austariertes Profil und eine erkennbare Identität entwickeln kann. Schliesslich sollen sich nicht nur Synergien ergeben, sondern echte Win-Win-Situationen.

Lonely Planets

Ein rechter Teil der Privatmuseen lebt (oder überlebt) fernab von nennenswerten Gravitationsfeldern und grösseren Besucherströmen: in der Kulturprovinz, wo sie wertvolle Kunstvermittlung betreiben. Oft darben sie dort aber wegen zu geringer Mittelausstattung, und sie spüren über sich das Damoklesschwert möglicher Kürzungen oder Streichungen öffentlicher Subventionen. Denn in den meisten Fällen ist der Betrieb eines mit privaten Sammlungen resp. Geldmitteln aufgebauten Museums ohne die Beiträge der Kommunen, der Kantone und in vereinzelten Fällen des Bundes gar nicht möglich. Dem feinen Kunst(zeug)haus in Rapperswil, einer Gründung des Wirtschaftsanwalts und Kunstsammlers Peter Bosshard von 2008, hätte das St. Galler Kantonsparlament vor etwa zwei Jahren beinahe den finanziellen Stecker gezogen. In sichereren Händen ist das Kunstmuseum Appenzell von 1998 mit seiner Sammlung, ebenso sein Trabant Kunsthalle Ziegelhütte von 2003: Sie stehen unter der fachlichen und finanziellen Obhut der Heinrich Gebert Kulturstiftung Appenzell.

«Hybride»

Werfen wir noch einen kurzen Blick auf die Schnittmengen von Sammlungen und Museen: auf die Hybride. Dass Lösungen, die wir als «Hybride» bezeichnen, sogar Museumsprobleme beheben können, demonstriert das Beispiel der Stiftung von Werner Coninx aus der Tagesanzeiger-Herausgeberfamilie, welche ihren Museumsbetrieb nicht nachhaltig finanzieren konnte. Nach einem kompletten Strategiewechsel im Jahr 2016 fungiert die Stiftung nun hauptsächlich als Dauerleihgeberin der riesigen Sammlung von Kunst an diverse Schweizer Kunstmuseen, was sich als Lösung zu bewähren scheint.

In solchen «paramuseale Strukturen» arbeiten weitere bedeutende private Kunstsammlungen. Das von der Philanthropin und Roche-Erbin Maja Oeri 2003 für die Kunstbestände der Emanuel Hoffmann Stiftung kreierte Schaulager® in Münchenstein bei Basel ist den längeren Teil des Jahres Depot und Studiensammlung und nur während der Sommermonate öffentlich zugängliches Museum. Offensichtlich ist diese Institution nicht auf eine Maximierung ihrer Besucherzahlen aus.

Museumsähnlich eingerichtet – aber ganz ohne Kassahäuschen – ist die Sammlung der Unternehmerin Esther Grether in der Basler Altstadt, wo sie quasi als «Pool» für den internationalen Kunstausstellungsbetrieb (2000) dient. Von daher kommt es, dass man in Sonderausstellungen auf den Legendenetiketten die «Esther Grether Family Collection» als Leihgeberin lesen kann.

Am industriell geprägten Stadtrand von Basel arbeiten der Künstler und Sammler Urs Raussmüller mit seiner Frau Christel und einem kleinen Team in den Rausmüller Hallen (2014) mit ihrer nicht öffentlich zugänglichen Sammlung mit Kunst aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, mit der sie unter anderem Sonderausstellungen mit ihren Leihgaben beschicken.

Gespannt kann man sein wie sich die Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte SKKG des Winterthurer Immobilieninvestors Bruno Stefanini entwickelt. Vor wenigen Monaten haben Bundesgerichtsentscheide endlich Klarheit in die Leitungsstrukturen der Stiftung geschaffen, und nach dem kürzlich erfolgten Tod des Stifters dürfte das Stiftungsvermögen nochmals kräftig anwachsen. Diese beiden Entwicklungen wecken hohe Erwartungen an die begonnene Professionalisierung bei der Pflege dieser wichtigen Kunstsammlung. als begründet erscheinen. Die Stiftung selber verfügt über einen Immobilienbestand, der hoffen lässt, dass die bedeutendsten Teile ihrer Sammlung dereinst auch öffentlich zugänglich gemacht werden. Vorderhand geschieht das noch über Dauerleihgaben an Museen und Ausleihen an Sonderausstellungen. Angesichts ihrer beträchtlichen Kunstbestände und Mittelausstattung hat die Sammlung der SKKG das Potential eines «Jupiters» innerhalb des Planetensystems der Schweizer Privatmuseen.

Foto: «Bauten des Muzeum Susch» von Benno Schubiger