Erwerbssuchende für die Freiwilligenarbeit gewinnen: Eine Win-win-win-Strategie?

Viele Nonprofit-Organisationen (NPO) sehen sich derzeit mit einem Mangel an Freiwilligen konfrontiert. Die Akquise von Erwerbssuchenden scheint eine mögliche Lösung zu sein, da diese theoretisch mehr Zeit zur Verfügung haben als Erwerbstätige. In der Literatur werden positive sowie negative Einflüsse von Freiwilligenarbeit auf Arbeitslosigkeit erwähnt, in der Praxis zeigt sich jedoch, dass die positiven überwiegen.

NPO sind auf Freiwillige angewiesen. In den letzten Jahren war bei der Anzahl der Freiwilligen in der Schweiz laut dem Freiwilligen-Monitor Schweiz 2016 ein leichter Rückgang zu verzeichnen und durch die steigende Anzahl an NPO verstärkt sich der Wettbewerb um Freiwillige. Es wird angenommen, dass fehlende Zeit eine der Hauptursachen dieses Rückgangs darstellt; Zeit, welche Erwerbssuchende mehr zu haben scheinen. Aber hat Freiwilligenarbeit nur positive Einflüsse auf Arbeitslosigkeit und ist somit die Akquise von Erwerbssuchenden für Freiwilligenarbeit eine Win-win-win-Strategie von der Erwerbssuchende, NPO sowie die Gesellschaft als Ganzes profitieren können?

Positive Einflüsse der Freiwilligenarbeit auf Arbeitslosigkeit

In der Literatur werden viele positive Effekte von Freiwilligenarbeit auf Arbeitslosigkeit genannt. Einerseits kann Freiwilligenarbeit Erwerbssuchenden dabei helfen, eine gewisse Struktur im Alltag beizubehalten, andererseits kann sie ihnen private Vorteile verschaffen: Erlernen neuer, jobrelevanter Fähigkeiten, Kontakte mit anderen Menschen knüpfen und das private Netzwerk ausbauen sowie die Möglichkeit, negative Gefühle zu verarbeiten. Auch kann Freiwilligenarbeit dazu genutzt werden, Lücken im Lebenslauf zu füllen. So erhöht Freiwilligenarbeit die Chance, eine Arbeitsstelle zu finden, da sie zudem als Signal bestimmter Charaktereigenschaften für potentielle Arbeitgeber dient.

Negative Einflüsse der Freiwilligenarbeit auf Arbeitslosigkeit

Jedoch kann sich Freiwilligenarbeit laut Literatur auch negativ auf Arbeitslosigkeit auswirken. Wenn Arbeitgeber vor allem Wert auf Diplome legen und Freiwilligenarbeit nicht als tatsächliche Arbeit anerkennen, da während dieser der Erwerb von Diplomen nicht möglich ist, funktioniert dieses Signal nicht und Freiwilligenarbeit kann das Finden einer Anstellung erschweren.

Erkenntnisse aus der Praxis

In der Praxis zeigt sich, dass Freiwilligenarbeit zwar auch einen negativen Einfluss auf Arbeitslosigkeit haben kann, wenn diese zum Ersatzjob ohne Verdienst wird oder der Arbeitssuche nicht mehr oberste Priorität zugeordnet wird, allerdings überwiegen die positiven Effekte. Diese steigern das Selbstwertgefühl der Erwerbssuchenden, wodurch sie anders in Bewerbungsgesprächen auftreten können. Auch das vergrösserte Netzwerk kann sehr nützlich für die Arbeitssuche sein. Wenn also darauf geachtet wird, die Tätigkeit nicht zu zeitintensiv zu gestalten und zeitlich zu begrenzen, um den negativen Effekten vorzubeugen, stellt die Gewinnung von Erwerbslosen für die Freiwilligenarbeit eine Win-win-win-Strategie dar.

Tipps für NPO, um Erwerbssuchende für Freiwilligenarbeit zu gewinnen:

  • Schaffen Sie Aufgaben mit höchstens sechs Stunden pro Woche und zeitlicher Begrenzung.
  • Betonen Sie bei der Freiwilligenakquise die unterschiedlichen Fähigkeiten und Kenntnisse, die während der Freiwilligenarbeit erworben werden können.
  • Gestalten Sie die Aufgaben so, dass soziale Kontakte garantiert sind und die Erwerbssuchenden ihr soziales Netzwerk ausbauen können.
  • Stellen Sie sicher, dass Sie den Freiwilligen ein „Dossier freiwillig engagiert“ ausstellen, das ihre Tätigkeit dokumentiert.

Literaturempfehlung:
Freitag et al. (2016). Freiwilligen-Monitor Schweiz 2016, Zürich: Seismo.

Tragt Sorge zu unseren Domen, Münstern, Kathedralen

Wir Architekturhistoriker und Heimatschützer betonen immer wieder den hohen Stellenwert der historischen Baudenkmäler für unsere Identität und unser Selbstverständnis. Die Reaktionen der überwältigten Augenzeugen des Brandes von Notre-Dame in Paris – in filmischen Reportagen live in die ganze Welt übertragen – haben bewiesen: Ein so bedeutendes Kulturerbe wie die Kathedrale der französischen Hauptstadt gehört tatsächlich zum allgemeinen Kulturerbe einer weltumspannenden Gesellschaft – in deren ganzen Heterogenität.

In Paris eine Brandkatastrophe

Zwar stellte Valentin Groebner in der FAZ echte Trauer um Notre-Dame in Abrede: Dies sei «Lust an der starken Wirkung der Bilder und Lust an der eigenen Wehmut vor Publikum». Ich zweifle daran, dass es eine kollektive Körperbeherrschung oder gar ein massenpsychotisches Phänomen bei den zufällig anwesenden Passanten oder bei den Betrachtern am Bildschirm waren, die Schrecken, Trauer, Lähmung hervorriefen. Für viele war der Kirchenbrand vom 15. April ein so eindrücklicher Moment, dass man es zur Ereigniskategorie mit der zugehörigen Erinnerungsfrage «Wo war ich als ich davon erfuhr?» zählen kann. Der Kennedy-Mord 1963 und 9/11 2001 gehören zu dieser Kategorie, deren Erinnerung uns vor unserem geistigen Auge sofort an jenen Ort zurückkatapultiert, wo wir erstmals von diesen Tragödien hörten. Nie werde ich auch vergessen, dass ich abends am Küchentisch sass, als ich vom Notre-Dame-Brand hörte, wie ich ebenfalls am Küchentisch sass, als ich am frühen Morgen des 18. August 1993 vom Brand der Luzerner Kapellbrücke hörte.

Spenden: ein Ärgernis?

Notre-Dame materialisiert Geist und Zeit in Stein und sublimiert diese in Schönheit. Die vielschichtige Bedeutung dieses Bauwerks spiegelt sich in der sensationellen – und vielkritisierten – Höhe der spontanen Spenden für dessen Wiederaufbau. Lapidar (und korrekt) kontert die NZZ am Sonntag: «Die Kritik verkennt den Kern des Spendens: die Freiwilligkeit». Sachkundig analysierte NZZ Online am 28. April. Ich denke: Wer freiwilligem Spenden Eigennutz unterstellt, der müsste bei der Deckelung/Limitierung der steuerlichen Abzugsfähigkeit von Zuwendungen und Sponsoringbeiträgen ansetzen. (Ob das unter dem Strich eine lohnende Idee wäre, das wage ich zu bezweifeln.)

In Basel ein Jubiläum

Bei uns in Basel stimmte die Meldung des Brandes in Paris besonders nachdenklich. Denn tags zuvor, am Palmsonntag, wurde das Jubiläumsjahr «1000 Jahre Basler Münster» einläutet – vormittags mit einem ökumenischen Gottesdienst im Beisein des Bischofs von Basel, abends mit einem Konzert unter Beteiligung des Choeur Grégorien de Paris, der exakt 24 Stunden nach dem Basler Konzert vom Brand der Notre-Dame erfahren musste. Zudem ist man sich am Rheinknie auch heute in weiten Kreisen bewusst, dass das Münster, bis zur Reformation die Kathedrale des Bistums von Basel, 1356 durch das Basler Erdbeben teilzerstört worden war.

Spenden für ein Kulturprogramm

Im Milleniumsjahr, welches der Weihe des Basler Münsters im Beisein des Kaisers Heinrich II. am 11. Oktober 1019 gedenkt, ist der spätromanische Bau mit den gotischen Zutaten identitätsstiftend besonders präsent: nicht nur im Stadtbild (dabei wieder einmal völlig frei von Baugerüsten), sondern auch im Leben der Stadt. Zahlreiche kirchliche und vor allem kulturelle Institutionen haben sich zusammengetan, um in einem reichhaltigen Programm vom Frühjahr bis in den Herbst hinein die vielschichtige Rolle dieser Hauptkirche in der Geschichte der Stadt und ihrer Gesellschaften erlebbar zu machen, in Gottesdiensten, Konzerten, Ausstellungen, Publikationen etc. Etliche gemeinnützige Förderstiftungen und auch eine Mäzenin beteiligen sich finanziell grosszügig an diesen Aktivitäten, nebst Evangelisch-reformierter Kirchgemeinde und dem kantonalen Lotteriefonds. Einen besonders nachhaltenden Beitrag ans Jubiläumsjahr bildet die Herausgabe der ersten umfassenden Buchmonographie über das Basler Münster durch die Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte GSK. Am 11. Oktober erlebt dieses Werk eines Autorenkollektivs von Historikern, Kunsthistorikerinnen und Archäologen seine Buchtaufe.
Über das Jubiläumsjahr hinaus Bestand hat natürlich die Stiftung Basler Münsterbauhütte, die seit ihrer Gründung 1986 für den Unterhalt des Münsters sorgt. Sie wird durch den Verein Freunde der Basler Münsterbauhütte finanziell und ideell unterstützt. Diese Freunde bilden ein wichtiges Bindeglied mit der städtischen Gesellschaft und verkörpern ihr jeweils persönliches Sorgetragen für ihr Münster

Kultur ist umspannend

Mit der Europäischen Vereinigung der Dombaumeister ist das Basler Münster (wie übrigens auch die Kathedrale von Freiburg und das Berner Münster) in ein weitgespanntes Netzwerk eingewoben. Wenige Tage nach dem Brand in Paris bekundete die Dombaumeistervereinigung seine Solidarität mit Notre-Dame durch ein konzertiertes Glockenläuten durch ihre Dome, Münster und Kathedralen. Dem jubilierenden Basler Münster erweisen die Europäischen Dombaumeister ihre Referenz dann im Oktober mit der Durchführung ihrer Jahreskonferenz in Basel.

Den informellen Abschluss findet das Basler Milleniumsjahr übrigens erst im April 2020, mit der Aufführung von Gustav Mahlers 2. Sinfonie (der sog. «Auferstehungssinfonie») im Basler Münster. Schon 1903 war sie dort erklungen, unter dem Dirigat ihres Komponisten sogar. Im Schlusssatz wird der Chor – vielleicht auch für Notre-Dame – die Verse von Friedrich Gottlieb Klopstock singen: «Aufersteh’n, ja aufersteh’n wirst du».

Compliance bei Stiftungen und Vereinen – Massnahmen für die Praxis | 4. Juli, Winterthur

Excellence in Compliance
“If you think compliance is expensive, try non compliance.” 

Stiftungen und Vereine sind im In- und Ausland Compliance-Risiken ausgesetzt und werden mit Compliance-Verstössen konfrontiert. Ein solcher Compliance-Verstoss kann zu Bussgeldern, persönlicher Haftung und enormen Reputationsschäden führen. Professionelle Compliance-Management-Systeme schützen das aufgebaute Vertrauen und erlauben, den Stiftungs- oder Vereinszweck weiter zu fördern.

An der von der ZHAW und StiftungSchweiz.ch organisierten Fachtagung, vermitteln renommierte Expertinnen und Experten und erfahrene Praktikern wertvolles Wissen über erfolgreiche präventive und reaktive Strategien zur Vermeidung von Compliance Risiken, wie z.B. Korruption.

«Es gibt kein Verbrechen, keinen Kniff, keinen Trick, keinen Schwindel, kein Laster, das nicht von Geheimhaltung lebt. Bringt diese Heimlichkeiten ans Tageslicht, beschreibt sie, macht sie vor aller Augen lächerlich, und früher oder später wird die öffentliche Meinung sie hinwegfegen. Bekannt machen allein genügt vielleicht nicht – aber es ist das einzige Mittel, ohne das alle anderen versagen. » Joseph Pulitzer.

Melden Sie sich jetzt an und sichern Sie sich einen der 70 limitierten Plätze!

Weitere Informationen zum Tagesprogramm und Anmeldung

 

Wer hat, dem wird gegeben?!

Wie kommt es, dass eine renommierte, seit 40 Jahren bestehende Stiftung seit ihrer Gründung einfach nicht zu Geld kommt und auch professionell umgesetztes Public Fundraising keinen Ertrag bringt? Fehlt es an Betroffenheit? Im Fall dieser Stiftung überhaupt nicht: In der aktuellen repräsentativen Umfrage in der Schweiz sagt jede fünfte Person, dass sie in den letzten 12 Monaten betroffen war und selbst gelitten hat. Und neun von zehn Befragten bemerken, dass sie betroffene Personen im nahen Umfeld kennen.

Haben Sie das Thema erkannt?

Ja, es geht um psychische Erkrankungen. Psychische Störungen betreffen viele und verursachen hohe Kosten, nicht nur in der Krankenversicherung sondern auch in der Wirtschaft. Und ja, man könnte etwas tun. Viele psychische Erkrankungen sind behandelbar. Betroffene Menschen können wieder gesund werden, wenn sie Zeit und Sicherheit bekommen, ihren Genesungsweg zu suchen und selbst zu gehen. Und wenn früher geholfen würde, wäre die Behandlung oft kürzer und einfacher.

In den Medien und in Fachkreisen hat das Thema Konjunktur. Viele sehen, dass die Schweiz ein Problem mit der psychischen Gesundheit hat. Die Meisten finden, «man» sollte etwas tun. Nun, da gibt es eine bewährte Stiftung, die sich seit 40 Jahren des Themas annimmt, die betroffenen Menschen und ihre Angehörigen ins Zentrum stellt und sich für ihre Rechte einsetzt. Eine Stiftung, die viele Ideen hat und eine Menge davon schon in die Praxis umgesetzt hat. Eine Stiftung, die gut ins Ausland vernetzt ist und Projekte kennt, die im Anderswo wirken. Und hierzulande Pilotprojekte lancieren möchte. Eine Stiftung, die nach neuen Wegen sucht, weil sie nicht glaubt, dass „mehr vom Selben“ als Lösung für die Zukunft taugt.

Aber, kein Geld. Das beste Testmailing zur Spendergewinnung hat gerade mal 50% der Portokosten gedeckt. Fazit der Profis: Es ist zu früh, man kennt euch zu wenig gut und das Thema ist immer noch stark tabuisiert.

Also, institutionelles Fundraising! Eine Analyse der Themen von Förderstiftungen bringt nur wenige Treffer für psychische Gesundheit, aber viele für Gesundheit allgemein. Bei Neugründungen von Stiftungen stehen die Themen Alzheimer und Krebs zuoberst auf der Liste. Unsere Themen kommen fast nie vor. Offenbar orientieren sich viele daran, was die andern tun und tun dann eben auch mehr vom Selben. Und so kommt es, dass einzelne Organisationen im Geld schwimmen und gewisse Themen überfinanziert sind und es neue und zudem tabuisierte Themen schwer haben und chronisch unterfinanziert sind, obwohl gerade am Anfang eines Konjunkturzyklus neues Geld mehr Effekt produzieren würde als später.

Seit neun Monaten arbeiten wir gemeinsam und finanziert mit der Beisheim Stiftung an einem Präventions- und Früherkennungsprogramm und im Dezember 2018 hat uns die Swiss Re Foundation als «Charity of the Year» gewählt und damit ein Zeichen für Engagement für psychische Gesundheit gesetzt! Es gibt sie also, die pionierhaften Unternehmen, die den Mut haben, unpopulären Ideen zum Durchbruch zu verhelfen, dem hoffentlich andere folgen werden. Denn eines muss allen klar sein: Keine Gesundheit ohne psychische Gesundheit!

Was würde Andrew Carnegie heute fördern?

Kaum jemand hat das heutige Verständnis von Philanthropie stärker beeinflusst als Andrew Carnegie, der vor genau hundert Jahren, 1919, gestorben ist. Bei seiner Geburt 1835 in Schottland waren seine Eltern bettelarm und emigrierten nach Amerika. Mit grossem Fleiss und einer guten Portion Kaltschnäuzigkeit wurde Andrew Carnegie mit Geschäften in der Stahlindustrie zu einem der reichsten Männer seiner Zeit.

Im Jahr 1889 veröffentlichte er in der North American Review einen Text mit dem Titel «The Gospel of Wealth», in dem er die Reichen zur Philanthropie verpflichtete. «Der Mann, der reich stirbt, stirbt in Schande» lautet seine Schlussfolgerung und beschreibt die Motivation, die auch heute noch viele Philanthropen antreibt: Der Reichtum soll mit der Gesellschaft geteilt werden. Carnegie fordert von den Reichen, nicht auf Einmal-Effekte wie Almosen zu setzen, sondern besser in langfristige Ergebnisse zu investieren. Dazu nennt er folgende Bereiche: Universitäten, Bibliotheken und Museen, Krankenhäuser und medizinische Forschung, öffentliche Pärke, Hallen und Schwimmbäder sowie Kirchen als Zentren des sozialen Lebens.

Walk the Talk

Carnegie selbst ging mit gutem Beispiel voran: Er finanzierte in den USA, Schottland und England über 2’500 Bibliotheken, förderte Universitäten (Carnegie Mellon University), spendete für den Bau von Konzertsälen (Carnegie Hall) und zeichnete Lebensretter aus (Carnegie Trust Funds in 11 Ländern). Viele dieser Engagements bestehen bis heute, so beispielsweise auch die Schweizer Carnegie Stiftung für Lebensretter/innen. Aber auch viele andere der von ihm damals erwähnten Beispiele haben bis heute Bestand. So etwa die nach ihren Geldgebern benannten Universitäten wie Stanford, Cornell oder Johns Hopkins, die alle zu den besten der Welt zählen. Auch die Pratt Library in Baltimore oder der Schenley Park in Pittsburgh sind heute noch wegweisende Beispiele philanthropischen Engagements.

Was würde Carnegie heute fördern, um langfristige Wirkung zu erzielen?

In seinem Text macht Carnegie immer wieder deutlich, dass es ihm um die Entwicklung der Gesellschaft geht und er dabei verschiedene Aspekte im Blick hat. Zum einen will er die Leistungsfähigkeit stärken, durch Bildung und Forschung beispielsweise, und setzt dabei auf das Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe. Zum anderen ist ihm der gesellschaftliche Zusammenhalt wichtig, durch die Finanzierung von Begegnungsplätzen in Pärken, Gemeinschaftssälen oder Kirchen.

Was heutige Philanthropen von Andrew Carnegie lernen können, sind vielleicht weniger die konkreten Förderbeispiele, sondern vielmehr die Fundiertheit und Konsequenz, mit der Carnegie vorgegangen ist. Dabei setzt er den reichen Philanthropen durchaus harte Kost vor, indem er sie in die Pflicht nimmt, für ihre Philanthropie zu arbeiten.
Besonders zwei seiner Empfehlungen sind auch heute noch so herausfordernd wie damals:

  • Es ist viel einfacher zu geben, als abzulehnen.
  • Wer etwas fördert, sollte nicht überlegen, was es kostet, sondern wie es perfekt werden kann.

Das «Gospel of Wealth» von Andrew Carnegie zum Nachlesen (lange Version auf Englisch) oder in der deutschen Kurzfassung.

Carnegie und die Schweiz:
Am 24. Mai 2019 veranstaltet die Carnegie Stiftung für Lebensretter/innen (Schweiz) in Bern ein Symposium zu Andrew Carnegie und der Entwicklung der Philanthropie heute.
Weitere Informationen finden Sie hier

 

Die Schweiz – ein Kosmos der Privatmuseen

Das jüngste Museum in der Schweiz, dem Land mit der weltweit höchsten Museumsdichte, ist seit Anfang Jahr für das Publikum geöffnet: Das Muzeum Susch im Unterengadin verdankt seine Existenz (und seine Schreibweise) der polnischen Unternehmerin und Mäzenin Grazyna Kulczyk. In einem Gebäude, das früher als Kloster und dann als Brauerei diente, und im herausgesprengten Felsen nebenan schuf sie eindrückliche Räume für ihre Sammlung. Diese legt den Fokus auf konzeptuelle und feministische Kunst sowie auf das Kunstschaffen aus Ost- und Mitteleuropa. Diese Kreation ist Bestätigung dafür, dass das Engadin auch als Standort interessanter Museen sowie bedeutender Privatsammlungen und Kunstgalerien eine wichtige Kulturlandschaft darstellt.

Rahmenbedingungen mit Anziehungskraft

Die Gründung dieses Privatmuseums in Susch ist zudem ein Beweis für die Attraktivität der Schweiz für private Kulturinitiativen, insbesondere im Bereich der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts. Unter uns gesagt: Selbstverständlich hängt die Standortattraktivität unseres Landes auch mit der steuerlichen Abzugsfähigkeit von Einlagen von Kunstwerken (und anderen Sachwerten) in Stiftungen seit der letzten Stiftungsrechtsrevision von 2006 zusammen. Fakt ist, dass Kunstwerke von Milliardenwert dauerhaft und nie mehr herauslösbar im Eigentum von Stiftungen privatrechtlicher oder öffentlich-rechtlich organisierter Museen lagern. Freilich gilt es zu beachten, dass nicht gar alle Sammlungen, die mit dem Etikett «Stiftung» verbunden sind, tatsächlich im Eigentum einer Stiftung sind. In vereinzelten Fällen ist bloss der Museumsbetrieb in eine Stiftung ausgelagert, und die Kunstwerke sind im Eigentum des Sammlers oder der Sammlerin verblieben.

Kunstsammlungen in Privatmuseen – meistens fokussiert auf bestimmte Epochen oder Gattungen – sind starke Zeugnisse für die Vorlieben einzelner Philanthropen und natürlich Ausdruck von individueller Grosszügigkeit. Sie sind zudem Spiegel eines Wertegefüges bestimmter Gesellschaftskreise, wie übrigens des Sozialprestiges, welches Bildende Kunst auch heutzutage bringen kann. Derartige Haltungen scheinen auch der Fondazione Culturale Hermann Geiger der GABA-Miterbin und Philanthropin Sibylle Piermattei Geiger eigen zu sein. In Basel möchte sie gemäss neuester Medienberichte ein Nischenmuseum einrichten – vorläufig noch ohne konkretisierte Ausstellungsthemen, sondern einzig mit dem Anspruch, mittels Gratiseintritt einen niederschwelligen Zugang zu künstlerischen Inhalten zu ermöglichen. Man kann gespannt sein.

Allein in den letzten 25 Jahren, seit 1994, wurden gemäss der brandneuen Auflage des Schweizer Museumsführers etwa 50 Museen oder museumsähnliche Strukturen in der Sparte der Bildenden Kunst privat gegründet, nämlich von Einzelpersonen, von privatrechtlichen Stiftungen oder von Firmen. Nicht ganz allen Privatmuseen ist ein dauerhafter Erfolg beschieden. Im letzten Vierteljahrhundert sind nämlich auch vereinzelte Museen wieder eingegangen, wegen unzureichender Mittelausstattung oder mangels Besucherzuspruchs. Eines davon ist die Stiftung für Eisenplastik Sammlung Dr. Hans Koenig in Zollikon des gleichnamigen Eisenhändlers, die 2011 aufgegeben wurde. Ein anderes ist die Villa Flora in Winterthur, die zwischen 1995 und 2014 als privates Museum für die Sammlung Hahnloser mit schweizerischer und französischer Malerei vor und nach 1900 geführt wurde. 2022 soll sie im Netzwerk des eben neu formierten Kunst Museum Winterthur wiedereröffnet werden. Die Privatmuseumsszene ist sowieso in kontinuierlicher Bewegung, was manchmal auch ein Zeichen dafür ist, dass optimistische Szenarien bei einer Museumsgründung den Praxistest nicht immer bestehen. Und dass neue Rezeptionsgewohnheiten des Kunstpublikums nach neuen Strukturen rufen.

Planeten – Trabanten

Ernst Beyeler hatte Anfang der 1990er Jahre ein «Trabanten-Modell» studiert, eine Präsentation seiner bedeutenden Sammlung von Kunst der Klassischen Moderne in räumlicher unmittelbarer Nähe des Kunstmuseums Basel. Sein Museum sollte aber nicht bloss ein «Mond» sein. Er entschied sich deshalb gegen einen «Beyeler-Wing» und für ein eigenständiges Museum – in Riehen, einem Vorort von Basel. Dort wurde das ikonische Museumsgebäude von Renzo Piano von 1997 ein Mitauslöser des anhaltenden Erfolgs der Fondation Beyeler, die das meistbesuchte Kunstmuseum der Schweiz geworden ist. Und es spricht für die Qualität der Führungsstrukturen in der Nachfolge des verstorbenen Museumsgründers, dass das bestehende Museum mit einem Ergänzungsbau von Peter Zumthor auf einem Nachbargrundstück nun selbst einen markanten Ergänzungsbau als Trabanten erhalten wird.

Auf einen etwas anderen Weg verschlug es das Zentrum Paul Klee in Bern von 2005, das ausser dem Entwerfer seines Museumsbaus mit der Fondation Beyeler wenige Gemeinsamkeiten hat. Kopfgeburt eines dominant auftretenden, branchenfremden Mäzens, des Chirurgen und Orthopäden Maurice E. Müller, erfüllt das ZPK die anspruchsvolle Aufgabe als monographisches Künstlermuseum. 2016 wurde es über eine Dachstiftung mit dem Kunstmuseum Bern verbunden. Weitere private Künstlermuseen versuchen, ihrem anspruchsvollen Profil als Einthemenmuseum etwas zu entfliehen, indem sie ihren eigenen Künstler in Dialog mit anderen setzen. Kein anderes Haus tut es so inspiriert wie das Museum Tinguely (1997) – mit den Millionen seiner Gründerin F. Hoffmann-La Roche AG im Rücken.

zentrifugal – peripetal / synergetisch

Es kommt mir vor, als ob im Sonnensystem unserer Museen folgende Gravitationsverhältnisse herrschen: Staatliche Museen oder durch öffentlich-rechtliche Konstrukte finanzierte Museen sind Planeten, die Privatmuseen sind Monde oder dann Meteoriten, die von den Planeten einverleibt werden. Ich bin mir bewusst, dass dieses Bild die Komplexität unserer Museumslandschaft nicht genügend differenziert spiegelt – insbesondere nach dem Studium von Claudio Beccarellis Grundlagenwerk über die «Finanzierung von Museen» (2005). Aber es ist schon: Bisweilen suchen privat initiierte Museen die frequenzsteigernde Nähe von öffentlichen Museen. Gut zu beobachten ist das am Quai von Lugano, wo sich in unmittelbarer Nähe des Museo d’arte della Svizzera italiana MASI im neuen LAC die Collezione Giancarlo e Danna Olgiati (2012) und die Fondazione Gabriele e Anna Braglia (2014) mit ihren jeweiligen Ausstellungsräumen festgesetzt haben.

In einigen Fällen ist der Überlebenskampf als unabhängiges Privatmuseum so hart oder die Gravität eines Grossmuseums so anziehend, dass sich sogar gestandene Privatmuseen wie die Sammlung Imobersteg oder die Bührle-Sammlung entschieden haben, auf ihre räumliche Unabhängigkeit zu verzichten und sich quasi einverleiben lassen. Erstere hat 2004 ihren eher peripheren Standort in Oberhofen am Thunersee aufgegeben und ist ins Kunstmuseum Basel eingezogen. Die Stiftung Sammlung E. G. Bührle in Zürich verlässt ihre Historismus-Villa und wird nach sechzig Jahren 2020 ins dann eröffnende neue Kunsthaus von David Chipperfield umziehen.

Von Beginn weg eine differenzierte Lösung hat die Hilti Art Foundation im liechtensteinischen Vaduz (2015) gewählt: Sie hat unmittelbar neben das Kunstmuseum Liechtenstein, von dem her es unterirdisch zugänglich ist, einen freistehenden Museumskubus hingestellt (wie das bestehende Haupthaus ebenfalls von Meinrad Morger entworfen).

Wenn für Privatmuseen die Finanzmittel und das Besucheraufkommen nicht ausreichend verfügbar sind, dann bieten sich solche eben geschilderte Kooperationen an. Wichtig ist dabei, dass bei derartigen Shop-in-shop-Modellen resp. Rucksack-Lösungen das jeweilige Privatmuseum auch als Juniorpartner ein fein austariertes Profil und eine erkennbare Identität entwickeln kann. Schliesslich sollen sich nicht nur Synergien ergeben, sondern echte Win-Win-Situationen.

Lonely Planets

Ein rechter Teil der Privatmuseen lebt (oder überlebt) fernab von nennenswerten Gravitationsfeldern und grösseren Besucherströmen: in der Kulturprovinz, wo sie wertvolle Kunstvermittlung betreiben. Oft darben sie dort aber wegen zu geringer Mittelausstattung, und sie spüren über sich das Damoklesschwert möglicher Kürzungen oder Streichungen öffentlicher Subventionen. Denn in den meisten Fällen ist der Betrieb eines mit privaten Sammlungen resp. Geldmitteln aufgebauten Museums ohne die Beiträge der Kommunen, der Kantone und in vereinzelten Fällen des Bundes gar nicht möglich. Dem feinen Kunst(zeug)haus in Rapperswil, einer Gründung des Wirtschaftsanwalts und Kunstsammlers Peter Bosshard von 2008, hätte das St. Galler Kantonsparlament vor etwa zwei Jahren beinahe den finanziellen Stecker gezogen. In sichereren Händen ist das Kunstmuseum Appenzell von 1998 mit seiner Sammlung, ebenso sein Trabant Kunsthalle Ziegelhütte von 2003: Sie stehen unter der fachlichen und finanziellen Obhut der Heinrich Gebert Kulturstiftung Appenzell.

«Hybride»

Werfen wir noch einen kurzen Blick auf die Schnittmengen von Sammlungen und Museen: auf die Hybride. Dass Lösungen, die wir als «Hybride» bezeichnen, sogar Museumsprobleme beheben können, demonstriert das Beispiel der Stiftung von Werner Coninx aus der Tagesanzeiger-Herausgeberfamilie, welche ihren Museumsbetrieb nicht nachhaltig finanzieren konnte. Nach einem kompletten Strategiewechsel im Jahr 2016 fungiert die Stiftung nun hauptsächlich als Dauerleihgeberin der riesigen Sammlung von Kunst an diverse Schweizer Kunstmuseen, was sich als Lösung zu bewähren scheint.

In solchen «paramuseale Strukturen» arbeiten weitere bedeutende private Kunstsammlungen. Das von der Philanthropin und Roche-Erbin Maja Oeri 2003 für die Kunstbestände der Emanuel Hoffmann Stiftung kreierte Schaulager® in Münchenstein bei Basel ist den längeren Teil des Jahres Depot und Studiensammlung und nur während der Sommermonate öffentlich zugängliches Museum. Offensichtlich ist diese Institution nicht auf eine Maximierung ihrer Besucherzahlen aus.

Museumsähnlich eingerichtet – aber ganz ohne Kassahäuschen – ist die Sammlung der Unternehmerin Esther Grether in der Basler Altstadt, wo sie quasi als «Pool» für den internationalen Kunstausstellungsbetrieb (2000) dient. Von daher kommt es, dass man in Sonderausstellungen auf den Legendenetiketten die «Esther Grether Family Collection» als Leihgeberin lesen kann.

Am industriell geprägten Stadtrand von Basel arbeiten der Künstler und Sammler Urs Raussmüller mit seiner Frau Christel und einem kleinen Team in den Rausmüller Hallen (2014) mit ihrer nicht öffentlich zugänglichen Sammlung mit Kunst aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, mit der sie unter anderem Sonderausstellungen mit ihren Leihgaben beschicken.

Gespannt kann man sein wie sich die Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte SKKG des Winterthurer Immobilieninvestors Bruno Stefanini entwickelt. Vor wenigen Monaten haben Bundesgerichtsentscheide endlich Klarheit in die Leitungsstrukturen der Stiftung geschaffen, und nach dem kürzlich erfolgten Tod des Stifters dürfte das Stiftungsvermögen nochmals kräftig anwachsen. Diese beiden Entwicklungen wecken hohe Erwartungen an die begonnene Professionalisierung bei der Pflege dieser wichtigen Kunstsammlung. als begründet erscheinen. Die Stiftung selber verfügt über einen Immobilienbestand, der hoffen lässt, dass die bedeutendsten Teile ihrer Sammlung dereinst auch öffentlich zugänglich gemacht werden. Vorderhand geschieht das noch über Dauerleihgaben an Museen und Ausleihen an Sonderausstellungen. Angesichts ihrer beträchtlichen Kunstbestände und Mittelausstattung hat die Sammlung der SKKG das Potential eines «Jupiters» innerhalb des Planetensystems der Schweizer Privatmuseen.

Foto: «Bauten des Muzeum Susch» von Benno Schubiger

Empathische Kommunikation zwischen Förderstiftung und Projektpartner

Folgende Geschichte erzählte mir einmal ein sehr geschätzter früherer Arbeitskollege. Als Entwicklungshelfer stand er einst vor einer Schulklasse in Niger und erzählte den 14-jährigen Schülern von der Schweiz. Dazu zeigte er viele Bilder. Da meldete sich ein Junge plötzlich und fragte ihn: «Sir, at what age do Swiss girls marry?». Die Antwort: «Usually in their late 20’s or 30s.”. Ein fassungsloses Raunen ging daraufhin durch die Klasse. Schliesslich rief der gleiche Junge: «But Sir, this is terrible! What is being done to help them?»

Diese Episode hat mich nachhaltig beeindruckt. Sofort stellte ich mir vor, wie diese nigerischen Schüler das für sie vollkommen sinnvolle Programm «Du schaffst das – Mit Ehepartner Dein volles Potenzial ausschöpfen» in Kooperation mit dem Sozialdepartment Zürich entwickeln. Wie es sich anfühlt, wenn sie in mir, als damals 40-jährige unverheiratete Frau, einen potentiellen, da «bedürftigen» Teilnehmer sehen, obgleich ich eigentlich hinreichend zufrieden war.

Rückblickend wäre es schön gewesen, meinen wunderbaren Ehemann früher kennengelernt zu haben. Vielleicht dort. Item. Will sagen, unabhängig davon ob ein Projekt tatsächlich die Lebenssituation verbessern kann, ist die Bereitschaft eines Menschen, sich auf etwas einzulassen gering, wenn man mit einem Label wie «Migrationshintergrund» oder «verhaltensauffällig» versehen und darauf reduziert wird.

Empathische Kommunikation mit der Zielgruppe ist also zentral im gemeinnützigen Sektor, wo grundsätzlich verschiedene Lebenswelten und Wertevorstellung ständig aufeinandertreffen. Darin sind die Projektpartner uns Förderstiftungen aufgrund ihrer täglichen Arbeit im Feld oft voraus. Stiftungen sind dahingehend naturgemäss weniger sensibilisiert. Denn für einen Geldgeber in einem chronisch unterfinanzierten Sektor hat fehlendes Fingerspitzengefühl gegenüber dem Projektpartner keine gravierenden Konsequenzen.

Dennoch, die meisten Stiftungen möchten partnerschaftlich arbeiten und verstehen, worauf es im Förderbereich ankommt.
Vor jedem Gespräch und jeder Beurteilung sollten auch wir uns deshalb regelmässig fragen:

  1. Wie sieht die Lebenswelt des Gegenübers aus?
  2. Aus welcher Perspektive beurteilt er sein Tun und den Erfolg?

In der Praxis ist dies zum Beispiel dort relevant, wo Lieblingsbegriffe von Stiftungen wie «Professionalisierung» oder «Capacity Building» häufig als verletzende Kritik an der fachlichen Qualifikation der Mitarbeiter in Bezug auf die Zielgruppe verstanden werden obwohl man als Stiftung etwas anderes meint. Oder wenn man bei einem Tanzprojekt mit Jugendlichen die Leitung unbeabsichtigt befremdet, da man vor allem Fragen zu den erlernten sozialen Kompetenzen stellt (Förderungsgrund) aber kaum über den künstlerischen Anspruch der Inszenierung. Obwohl Letztere der Grund ist, weshalb das Projekt existiert und die Jugendlichen überhaupt teilgenommen haben.

Den Projektpartner im Gespräch dort abzuholen wo er steht, ist daher ein Merkmal für die Professionalität einer Stiftung und muss in jedem Kontext neu gelernt werden.

Workshop – Nullzinsen und Risikoangst – Gibt es einen Ausweg? | 2. April 2019

NPO-Finanzmanagement Workshop mit Peter Buss, NonproCons

Wer sich verpflichtet hat, das Stiftungs-/Vereinskapital zu erhalten, ist nun schon seit Jahren in einer unangenehmen Situation. Die Zinsen aus Obligationen sind Null und die Dividenden aus Aktien kommen mit hohen Kapitalrisiken.

Gibt es einen Ausweg oder muss man das kleine Einmaleins des Anlegens vollständig über den Haufen werfen?

Inhalt:

  • Wie kann die maximal akzeptable Aktienquote bestimmt werden?
  • Welche Aktien und Fonds eignen sich?
  • Wie helfen die Erkenntnisse aus der Theorie und Praxis der Risikotoleranz?

Ziel:

Sie wissen, wie relevant mehrjährige Budgets für die Bestimmung der Risikofähigkeit sind und welche Optionen zur Lösung des Dilemmas zwischen Nullzinsen und Risikoangst bestehen. Methodik: Wissensinput mit Diskussion / Berechnung Risikofähigkeit mit ALM-Methode

Weitere Informationen zum Workshop und Anmeldung

Kulturförderung zwischen Infarkt und Markt

Den Hashtag #keeparcopen haben Sie wohl nicht zu Gesicht bekommen. «Keep Arc open» war im vergangenen November der Appell von Kulturschaffenden an den Migros-Kulturprozent, dessen artist residency namens Arc in Romainmôtier Ende 2018 nicht zu schliessen. Die Migros war dabei «ertappt» worden, wie sie die Schliessung dieser fast fünfundzwanzigjährigen Künstlerresidenz im ehemaligen Benediktinerkloster im Waadtland nichtkommunizierte. Mittlerweile ist die Arc geschlossen. Und die unterschriftensammelnden und twitternden Kulturschaffenden sind um eine Déjà-vu-Erfahrung reicher – wie viele ihrer Branchenkollegen zuvor: Die Kulturförderer sitzen tatsächlich am längeren Hebel.

Der Kulturinfarkt
Die komplexe Gemengelage von Förderern und Geförderten war auch ein Hauptthema des Buches «Der Kulturinfarkt», das ich aus gerade genanntem Anlass letzthin einer Re-Lektüre unterzogen habe. Diese 2012 nach ihrem Erscheinen harsch kritisierte Streitschrift gab auf relevante Fragen (Wieso von allem zu viel und überall das Gleiche?) wenig hilfreiche Rezepte (Totalumbau der Kultur- und Förderstrukturen). Dieses Pamphlet aber kritisierte richtigerweise die weitverbreitete Marktferne der Kulturschaffenden und daraus folgend deren sehr weitgehende Abhängigkeit von Förderern jeglicher Art – des Staates, der Stiftungen, der Mäzene, der Sponsoren.

Nur weil in den letzten sieben Jahren kein Kulturinfarkt eingetreten ist (übrigens: Wie würden dessen Symptome eigentlich lauten?) ist die Situation für die Kulturproduzenten heute nicht besser als 2012. Immer mehr Kulturschaffende (die Kunsthochschulen sind ja zum «Produktivitätswachstum» verurteilt) müssen sich immer weniger Kulturkonsumenten teilen (da sich die Konsumvorlieben in andere Räume, z.B. in digitale Sphären, verlagern). Das spüren insbesondere die Theaterhäuser, welche begonnen haben, zwecks Erhöhung der Auslastungsquoten ihre Sitzreihen zu verringern (Basel hats vorgemacht; das Schauspielhaus in Zürich will nachziehen).

Fördern im Wandel
Dass die grosse Abhängigkeit der Kulturschaffenden von den Förderstrukturen fatal sein kann, dafür ist die Aufhebung der Arc durch den Migros-Kulturprozent ein Indiz. Das Fokussieren und das Betonen eigener Projektinitiativen, das die Migros der Aufgabe der Arc argumentativ hinterherschob, ist beim Fördern im Trend. Auch die Kantone entziehen sich solchen Entwicklungen nicht. Es sei das Beispiel des Kantons Basel-Stadt genannt, der seine Musikförderung vom reinen Subventionieren in ein Modell mit Ausschreibung und Mehrjahresverträgen umgewandelt hat, bei dem die Öffentliche Hand quasi die Rolle einer Pseudo-Intendanz übernimmt. Und eben zu Jahresbeginn hat sich Philanthropie-Professor Georg von Schnurbein in einem Interview in einer Richtung geäussert, die aufhorchen lässt: Grössere Förderstiftungen würden eine immer aktivere Rolle spielen, und in den letzten Jahren hätte man einen steten, wenn auch langsamen Wechsel von Kultur zu Sozial- und Umweltthemen beobachtet.

Da stellt sich gleich die Frage: Werden die Zeiten für Kulturschaffende, die auf Stiftungs-Fundraising angewiesen sind, künftig noch härter? Finanzkrise und Niedrigzinsumfeld zwingen die Förderstiftungen ja schon seit einem Jahrzehnt zum Sparen. Und die verstärkt an die Stiftungen gerichteten Erwartungen eines sichtbaren und transparenten Förderns animiert zu Schwerpunktbildung und Programmation – somit zu einer Gegenposition zur vielzitierten Fördergiesskanne. Bei ihren Prioritätensetzungen achten die Stiftungen (fördernd aber nicht zwingend mäzenatisch agierend) auf die gesellschaftliche und kulturpolitische Relevanz der von ihnen unterstützten Projekte. Man muss ja nicht gleich den Begriff «Marktgängigkeit» in den Mund nehmen, wenn man von einem Kulturförderprojekt erwartet, dass es Sitzplatz- oder Buchverkäufe anvisiert, Downloads generiert oder mindestens zu Clicks animiert (und von alle diesen gerne viele!). Ich schreibe dies weil ich bisweilen den Eindruck kriege, dass gesuchstellenden Kulturschaffenden die «performance» manchmal wichtiger als die «audience» ist, will heissen dass das Faktum des Aufführens zentraler zu sein scheint als das Publikum, das ihnen zuhören und zuschauen soll.

Kultur heisst Pflege, Beziehungspflege
Die lateinische «cultura » heisst « Bearbeitung / Pflege ». Wenn damit ursprünglich vor allem der Ackerbau gemeint war, erwarte ich von der «Kultur» heute natürlich nicht eine manierliche Dreifelderwirtschaft, sondern durchaus unbändige Wüchsigkeit. Die dafür notwendige Energie beziehen die Kulturschaffenden aus ihrer Inspiration. Den Dünger steuern die Förderer bei. Weil sich reibt, was sich liebt, noch dieses hier: Geförderte wie Förderer stecken in einer Zweckgemeinschaft. Oft werden (wahlweise) die Anspruchshaltung, die Undankbarkeit, ja die Unflätigkeit des jeweils anderen als eine Zumutung empfunden. Förderpartnerschaften sind eben – wenn sie geschlossen und irgendwann mal wieder gebrochen werden – auch Tauschbörsen der Ideen, der Werte und der Temperamente. Infarkt hin, Markt her.

Foto: Benno Schubiger